Nacht ohne Grenzen

Nimm, was Du willst und zahle den Preis dafür.

                                                            spanisches Sprichwort

 

 

Wissen Sie, ich habe Robért versprochen, nicht darüber zu reden. Ein Versprechen, das einzuhalten mir dieses eine Mal nicht schwer fallen wird, obwohl ich Zusagen zu schweigen schon oft leichtfertig gegeben, mich aber dennoch selten daran gehalten habe. Ich versuche erst gar nicht etwas so Ungeheuerliches in Worte zu fassen, weil ich schon in Schwierigkeiten geraten würde irgendjemandem Robérts Bitte schildern zu wollen, geschweige denn danach auch noch erklären zu müssen, wie ernst ich sie nahm. Das Schlimmste an dieser Geschichte ist, dass ich mich selbst nicht verstehe und seitdem denke, dass ich einen Defekt im Gehirn haben muss, darüber überhaupt nachzudenken. Hatten Sie schon einmal das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, weil alles ins Wanken geriet, was Ihnen im Leben Halt gegeben hat, aber anstatt der gewohnten Furcht empfanden Sie bei dem Rutschen und Durcheinanderwirbeln Freude, ja fast Ausgelassenheit? Eins weiß ich, nach dieser Nacht bin ich ein anderer Mensch und es fällt mir immer noch schwer, anzuerkennen, dass nichts unmöglich ist und mir im Leben einfach alles passieren kann.

Wir hatten in Robérts Garten gesessen, Wein getrunken und stundenlang geredet. Unser Gespräch plätscherte dahin, während kühle Dämmerung die Wärme des hellen Junitages ablöste. Ich mag diese langen, scheinbar kein Ende nehmenden, lauen Sommerabende, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Es war friedlich und still, nicht einmal Verkehrslärm der nahen Straße drang herüber. In den Nachbargärten war niemand mehr, sodass wir die kleine Welt der Laubenkolonie für uns hatten. Robérts Bitte brach so unvermittelt in die Harmonie dieses Abends herein und traf mich so unvorbereitet, dass ich zunächst glaubte mich verhört zu haben. Aber ich widerstand der Versuchung nachzufragen, denn mit einer Sicherheit, die mir sonst vollkommen abgeht, wusste ich, dass ich seinen Wunsch nicht nur gehört, sondern auch verstanden hatte. Ich war so verblüfft, dass ich zunächst nicht wusste, was ich zu dieser irrwitzigen Idee sagen sollte. Es war fast unheimlich. Und wissen Sie auch warum? Weil ich vor vielen Jahren einmal eine ähnliche Bitte an einen Freund gerichtet hatte, die jener jedoch ablehnte. Er war der Meinung, dass eine Trockenübung, wie ich sie mir vorstellte, reine Selbsttäuschung gewesen wäre und keine Antwort auf meine Fragen gebracht hätte. Es ist doch ein geradezu unglaublicher Zufall, dass Robért mir ausgerechnet heute diesen Wunsch erfüllen soll. Nur, ist es jetzt gar nicht mehr nötig, denn die Antwort auf meine damalige Frage habe ich längst bekommen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich eine der Fragen stelle, die einem nur das Leben selbst beantworten kann, dann bekomme ich darauf immer eine Antwort. Meist dauert das eine Weile und oft wünschte ich mir danach, meine Neugier im Zaum gehalten zu haben. Auch in diesem Fall war es so, dass mich die Antwort auf meine Frage mit einer Wucht traf, die mich im Innersten erschütterte, weil sie in einer vollkommen unerwarteten Art und Weise eintrat und zu einem Zeitpunkt, zu welchem ich eine solche schon lange nicht mehr erwartet hatte.

Natürlich kam mir daraufhin der Gedanke, dass Robért mich mit seinem leichtsinnigen Gerede nur einem verrückten Test unterziehen wollte, nicht von ungefähr. Zutrauen würde ich es ihm, denn er ist der Ausnahmemensch in meinem Leben, ein Abenteurer und Grenzgänger, der Typ eben, der den Tank einer ausgedienten Feuerwehr mit Bier füllt und damit nach Afrika fährt. Wie ich, ist Robért ein Mensch, der Geheimnisse selbst ergründen muss, weil sie sonst keinen Wert für ihn haben. Wie ich ist er jemand, der das Leben selbst riechen, schmecken, hören, sehen und anpacken will, ständig unruhig und auf der Suche nach irgend etwas Unerklärbaren, dass er nie finden wird. Und ich bin ihm jahrelang aus dem Weg gegangen, weil er mir auf eine unsentimentale, manchmal fast rücksichtslose Weise immer wieder Signale gesendet hatte, dass ich meine Ziele nie erreichen würde, wenn ich nicht bereit wäre dafür auch einmal Risiken einzugehen und dass ich, wenn ich meine Träume leben will immer wieder Grenzen überschreiten muss. Ich wehrte mich gegen diese Signale vehement, weil sie ein, für mich fast unerträglicher Angriff auf mein Bedürfnis nach Sicherheit und Harmonie waren. Trotzdem ich Robért auswich, ließ mir der Gedanke keine Ruhe, dass an meinem Entschluss, ihn zu meiden etwas falsch war und ich vertrödelte viel Zeit damit, den Fehler herauszufinden. Sehen Sie, es ist doch so, dass Sie einem Menschen ausweichen und ihn für den Rest Ihres Lebens ignorieren können, wenn Sie von seinen Hinweisen nichts wissen wollen. Aber es gibt eine Person mit der so etwas ohne Selbstbetrug nicht möglich ist. Vor sich selbst kann niemand davonlaufen. Wenn Sie mit Ihren Gedanken oder Gefühlen nicht fertig werden oder Ihre Probleme nicht lösen wollen, dann können Sie sonst wohin ausreißen, Sie werden nichts erreichen, denn Sie nehmen sich ja sozusagen überall mit hin und irgendwann hatte ich es satt, ein Leben lang vor mir selbst auf der Flucht zu sein.

Letztendlich verdankte ich Robért die Einsicht, dass das Leben ein facettenreiches, wundervolles Spiel ist. Ich kenne zwar die Regeln nicht, aber das ist auch nicht wichtig, denn diese ändern sich sowieso ständig und nicht alle Mitspieler spielen fair. Sie können sich nicht vorstellen wie sehr sich mein Leben verändert hat, seitdem ich seinem Beispiel gefolgt bin. Ich lebe intensiver; ich fühle mich voller Energie und auf eine Art lebendig, die einfach unbeschreiblich ist. Natürlich ist mein Leben unsicherer geworden, es war auch nicht immer einfach und einmal stellte ich erst, als ich mein Ziel erreicht hatte fest, dass der Preis, den ich hierfür zahlen musste, viel zu hoch gewesen war. Das zu verkraften war richtig schwer. Aber das Allerschönste an diesem Spiel ist doch, dass ich immer wieder Fehler machen darf, dass ich immer wieder eine Chance bekomme und immer wieder die Richtung ändern kann; zu spät mir über versäumte Gelegenheiten den Kopf zu zerbrechen ist es erst, wenn der letzte Nagel in den Sarg geschlagen wird.

Die Nacht umfing mich mit samtweichen Armen und ich sah zu Robért hinüber, schaute ihm prüfend in die Augen, las jedoch keine Herausforderung in ihnen, nur ruhigen Ernst und noch etwas anderes, das ich bisher nicht wahrgenommen hatte. Betroffen senkte ich den Blick. Hatte ich nicht gerade festgestellt, dass im Leben alles seinen Preis hat? Robért hatte eben noch gesagt: „Wenn Du Dich nicht anpasst oder genauso tickst wie der Rest der Welt, wirst du zum Außenseiter.“ Und ich hatte noch nie darüber nachgedacht, dass Robért; der Hallodri, der sich nicht anpassen kann oder will, seine Art zu Leben mit Einsamkeit bezahlt. Trinkt er deshalb? Versucht er mit Alkohol diese Isolation wegzuspülen? Sicherlich, die Besonderheit seines Lebensstiles und die Besonderheit seiner Gedanken entfernen ihn von anderen Menschen auf eine Weise, die diese ihm nicht verzeihen können. Er leidet darunter, dass die Anderen ihn ausschließen oder gar auf ihn herabsehen, weil sie ihn nicht verstehen und er genießt es sichtlich mit einem gleichgesinnten Menschen zu reden, einem Menschen, der ihn ernst nimmt, der nicht urteilt oder ablenkt. Warum auch? Ich genieße es doch ebenso mit Robért zu reden, denn er kennt das Leben. Mit ihm kann man darum über Themen sprechen, um die andere Menschen einen großen Bogen machen, weil sie sich damit nicht auseinandersetzen wollen, oder schlimmer, weil sie sich dann mit ihren eigenen unerfüllten Träumen beschäftigen müssten.

Die Situation war unwirklich; die Stunden verrannen jenseits jeder Realität und trotzdem verspürte ich nicht einen Moment Angst oder Unsicherheit, nein, ich war eher amüsiert und neugierig. Empfand keine Kälte, nur ein aufregendes Prickeln, dachte an keine Konsequenzen, an keine Zukunft und keine Vergangenheit. In diesem Moment fand ich nichts Falsches an unseren Gedanken. Fühlte mich auf eine raffinierte Art verführt und verloren. Da war er, der zärtliche Traum vom Tod und für einen Moment gab ich der Versuchung nach in mich hinein zu lauschen, wie entspannend es wäre, nur ein einziges Mal die Kontrolle zu verlieren. Was wäre wenn? Nie mehr kämpfen müssen, keine Erwartungen, keine Gefühle, einfach gar nichts mehr. Was würde am Ende des Weges auf mich warten? Wäre noch Zeit für einen letzten Gedanken? Würde ich am Ende Geborgenheit empfinden oder wäre mein letztes Gefühl Bedauern, dass ich mich auf dieses gewagte Spiel eingelassen habe? Robérts Frage wirbelte mein wohlgeordnetes Universum durcheinander, wühlte alte Zweifel wieder auf von denen ich gemeint hatte, schon längst eine Antwort darauf gefunden zu haben. Da hatte ich tatsächlich von mir geglaubt, dass ich ein Mensch bin, der den Wert des Lebens kennt und dann passiert mir so etwas. Woher kommt nur diese Koketterie mit dem Tod? Wieso spüre ich diese Sehnsucht mich einfach ins Bodenlose fallen zu lassen? Sicher, manchmal habe ich die Nase voll von den hohen Erwartungen, denen ich nicht gerecht werden kann. Ich habe es so satt ständig mein Bestes zu geben, das nie gut genug ist. Ist es deshalb so reizvoll der Versuchung nachzugeben mich auf Robérts Wunsch einzulassen? Wenn ich das tun würde, wäre der Einsatz das Höchste, das ich zu vergeben habe und die Entscheidung wäre endgültig. Es wäre ein Weg ohne Umkehr, eine Erfahrung, über die ich hinterher vielleicht nicht mehr reden könnte. Kein Ausprobieren dieses Mal und keine Möglichkeit der Korrektur, wenn sich herausstellen würde, dass diese Entscheidung ein Fehler war. Das Spiel war vorbei und ich bedauerte es nicht einmal.

Irgendwann schaltete Robért das Licht an der Laube ein und goss Wein nach. Das Licht blendete meine Augen und gleichzeitig wünschte ich mir die Möglichkeit, die Menschen aussuchen zu dürfen, die ich mag - das Leben wäre entschieden einfacher. Offensichtlich ist es mir jedoch nicht gegeben, meine Sicht auf die Welt, auf den Horizont einer Eintagsfliege reduzieren zu können, ich scheine aus mir unbekannten Gründen, die im Inneren eines jeden Menschen verborgen sind, nicht anders zu können, - ich muss mir Gedanken machen, obwohl ich sie gerade jetzt am liebsten abschalten würde. Obwohl wir die ganze Zeit Pläne schmieden und nur über diese eine Sache reden, erinnert Robért mich immer mehr an einen Zauberkünstler, der seine Zuschauer mit seinen magischen Darbietungen narrt. Da, dieser eine Satz eben, der bleibt mir wie eine Gräte im Halse stecken. Gekonnt verwischt Robért seine Spuren. Talentiert weicht er dem Wesentlichen aus. Was will er eigentlich wirklich, was steckt hinter seinem Wunsch? Für ihn wäre es doch das Einfachste, er würde überhaupt nichts tun. Dann könnte er sich sein prahlerisches Geschwätz sparen und beweisen, was für ein Teufelskerl er ist. Doch das Leben ist keine ungelöste Rechenaufgabe und so ist auch Robérts Problem allein mit Logik nicht beizukommen. Kein Mensch in seiner Situation muss noch den Helden spielen, weshalb ich verstehen konnte, dass es schnell gehen soll und er gerade darum ein bisschen Spaß und Nervenkitzel erleben möchte. Wie jeder Mensch, der sich über seine wahren Gefühle nicht im Klaren ist oder es nicht wagt sie auszusprechen, verschleierte er seine Botschaften. Doch trotzdem er weiter um den heißen Brei herumredete, konnte mich Robért nicht mehr täuschen. Das Ergebnis von alldem war nur die Überlegung, dass Menschen, die, wie er vorhin, die falschen Fragen stellen auch die falschen Antworten darauf bekommen. Robért hatte mich am Anfang unserer Unterhaltung gefragt, ob ich bereit wäre seine Bitte einem Menschen zu erfüllen, der mir völlig egal wäre. Natürlich war die Antwort darauf ein klares und deutliches „nein“ gewesen. Warum sollte ich mich für einen Menschen, der mir vollkommen gleichgültig ist, derartig in Gefahr begeben? Vielleicht sollte Robért mich eher fragen, ob ich bereit bin ihm seinen Wunsch zu erfüllen, gerade weil ich ihn mag. Es überrascht mich, wie weit ich bereit bin für einen Menschen zu gehen, weil er mir etwas bedeutet und das nicht etwa nur aus dem Grund, weil ich ihm einen Gefallen tun möchte, sondern weil ich neugierig auf eine Situation bin, die sich von allem unterscheidet, was ich bisher erlebt habe.

Es war lange nach Mitternacht, als ein leichter Nieselregen einsetzte. Wir beschlossen nach Hause zu gehen. Die Gläser waren leer, es war kein Nachschub mehr vorhanden und wir hatten uns vorläufig nichts mehr zu sagen. Robért schloss die Gartentür hinter uns und einträchtig liefen wir durch die Stille. Der Regen hatte die Luft reingewaschen. Unter einer Laterne umarmten wir uns lachend. Für einen kurzen Moment nur lehnte ich mich an ihn um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Ich wollte nicht mehr stark sein müssen, schloss die Augen und für einen flüchtigen Augenblick genoss ich das Gefühl angekommen zu sein, suchte Schutz vor der Wirklichkeit, die mich irgendwo auf dem Weg zu meiner Wohnung einholen würde, dann trennten wir uns. Der Regen wurde stärker, prasselte auf das Pflaster, dass die Tropfen hoch sprangen. Es war kalt geworden, aber ich spürte weder den Regen, der mich bis auf die Haut durchnässte noch die Kälte des nahenden Morgens. Ich fühlte mich plötzlich schlapp und ausgelaugt, so als wäre ich über mein eigenes Grab gelaufen. Noch auf dem Heimweg beschloss ich, Robért für den Rest meines Lebens aus dem Wege zu gehen.