Das Erbe meiner Mutter

  

DAS ERBE MEINER MUTTER

von Ute Vallentin 

 

Hände die unsichtbare Gegenstände greifen wollen, ein Körper der in unregelmäßigen Abständen zuckt.

Ich sitze am Bett meiner Mutter und sehe sie an, erinnere mich wie sie früher war. Davon ist nichts mehr da.

Es ist Dezember 2007 und seit ihrer Lungenoperation im August steht fest, dass es keine Genesung geben wird.

Nach ihrer Operation hatte ich ein Gespräch mit dem Chefarzt der Intensivstation und habe mir von ihm alles genau erklären lassen. Nach diesem Gespräch stand fest, dass es zu Ende geht, wie lange sie noch leben wird hängt von vielen Faktoren ab, es bleibt aber nicht mehr viel Zeit.

Seitdem gab es eine kurzfristige Besserung ihres Zustandes und dann jetzt die dramatische Verschlechterung. Wie immer werfe ich all meine guten Vorsätze über Bord und will wie immer eine gute Tochter sein. Ich besuche sie regelmäßig und wenn ich nicht zu ihr fahren kann telefonieren wir. Natürlich begleitet mich immer das schlechte Gewissen zu wenig zu tun, sie zu verraten, denn alle sagen immer: Um eine Mutter muss man sich kümmern! Ich sehe das genauso, fühle mich aber durch die Entfernung und meine Erschöpfungszustände; unter denen ich seit Wochen leide, sehr eingeschränkt. Das verstärkt das Gewicht auf meiner Brust, das mein schlechtes Gewissen symbolisiert, manchmal fällt mir das Atmen schwer. Auch versuchen die schlechten Erinnerungen aus meiner Kindheit ständig die Oberhand zu gewinnen und es kostet mich viel Kraft diese auszublenden, zu mächtig sind die in der Kindheit zugefügten seelischen Schäden. Aber ich gebe, wie immer mein Bestes.

Die Zeit die wir zusammen verbringen versuche ich ihr angenehm zumachen. Trotzdem möchte ich manchmal das Gespräch auf das Abschiednehmen bringen, aber davon will sie nichts hören, ständig redet sie von Besserung, dass macht mich hilflos und ich rede nicht mehr über das Thema Tod. Sie hat furchtbare Ängste, wahrscheinlich geht es jedem so, der den Tod erahnt.

In den letzten zwei Wochen hat sich alles zugespitzt. Sie kann das Bett nicht mehr verlassen und hat nur noch kurze klare Momente. Ich halte ihre Hand und hoffe, dass sie wahrnimmt, dass ich da bin und dass ich sie liebe.

Sie ist traurig und vermisst meine ältere Schwester, genau sagt sie es nicht, aber ich höre es aus jedem ihrer Worte heraus. Aber meine Schwester hat kein Interesse.

Seit meine Mutti im August operiert wurde, hat mich die Einsamkeit fest im Griff. Ich rede mit Freundinnen und Bekannten über meine Mutti, bin aber immer stark und zeige niemanden meine wahren Gefühle. Jeder Gedanke, jeder Atemzug ist von Einsamkeit durchtränkt. Ich kann niemanden alles erzählen, mein bester Freund, mein Mann, der mir immer ein guter Partner war, lässt mich das erste Mal hängen. Er tut das nicht mit Absicht und ich weiß genau, er würde mich sofort in die Arme nehmen wenn ich es wollte und ihm erklären würde wie ich mich fühle, aber er hat eine Gefühlsmauer um sich errichtet und ich habe nicht die Kraft ihm zu sagen, was mich bewegt und sie damit einzureißen, also schweige ich und bleibe mit meinem Gewissen allein.

Ich rufe meine Schwester an und teile ihr mit, wie schlecht es unserer Mutti geht, erzähle ihr, dass ich Mittwoch und dann gleich wieder Sonntag hinfahre, sie will Sonntag auch kommen. Das dritte Mal in fünf Monaten.

In mir ist Ärger. Ärger auf jeden, gepaart mit Eifersucht. Meine Schwester ist nicht Schuld an meiner Eifersucht, aber ich bin verärgert. Sie setzt sich an das Krankenbett und meine Mutti erkennt sie und lächelt sie an. Ein Lächeln auf das ich seit Monaten, obwohl ich glaube lebenslang warte. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Blitz.

Seit vierzig Jahren versuche ich alles besonders gut zu machen, die Schule, meine Ehe, meinen Beruf, meine Kindererziehung, immer um Aufmerksamkeit ringend. Wofür? Für so ein Lächeln, wie meine Schwester es bekam oder ein gutes Wort.

Meiner Schwester ist das nicht bewusst und auch nicht von ihr gewollt. Sie hat ihre eigenen Probleme, die kaum zu bewältigen sind und einen Partner auf den sie nie zählen kann.

Einsamkeit ist für mich wie ein großes leeres Haus mit vielen Zimmern. Mein ganzes Leben lang versuche ich die Zimmer einzurichten, in ein Zimmer ziehen meine guten Zensuren ein, in das nächste mein guter Studienabschluss, dann habe ich einmal vergessen in einem Zimmer das Fenster zu schließen und meine erste Ehe ist mit allen Hoffnungen davon geflogen, dann zieht in ein großes Zimmer mein Sohn ein, die große Liebe kommt und mein Mann zieht ein. Mein ganzes Leben ist danach ausgerichtet die Einsamkeit zu füllen. Die Türen der Zimmer sind geschlossen und ich stehe auf dem Flur, ich muss vielleicht nur neue Türen öffnen, aber ich  glaube  nicht daran, hinter den Türen lauert vielleicht doch wieder nur Enttäuschung. Ständig bin ich bemüht nett zu sein, jedem zu helfen, meine Art anzupassen und nie habe ich das Gefühl, dass es reicht.

An diesem zweiten Advent 2007, ist mir nur durch ein Lächeln, für meine Schwester klar geworden, dass ich schon vor vierzig Jahren das Erbe meiner Mutter angetreten habe.

Das Erbe besteht darin – mich nicht zu lieben-. Das tut sie und das tu ich.

Am 18.12.2007 ist meine Mutti eingeschlafen und jetzt 3 Jahre später habe ich immer noch nicht geweint. Meine Gedanken verweilen oft bei den vielen ungesagten Dingen, aber wäre es besser gewesen sie auszusprechen?

Ich weiß es nicht.

Eine mir sehr liebe Bekannte hat ein Buch über das Trauern geschrieben: „Nichts kann ein Blatt aufhalten, das leise vom Baum fällt“  Wege in der Trauer von Beate Bahnert erschienen bei Pattloch.

Dieses Buch ist für mich der Anfang ein Kapitel abzuschließen, dass ich für unbezwingbar hielt.

Vielleicht hab ich dann irgendwann wieder den Mut eine neue Tür zu öffnen.

                             

 

 

 

 


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