Wie alles begann

WIE ALLES BEGANN

 

Wie soll ich beginnen? Der berühmte erste Satz, der Dein Interesse für die nachfolgende Handlung wecken soll, will mir heute nicht einfallen. Märchenerzähler haben es da einfacher, sie fangen mit „Es war einmal …“ an oder „Dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen…“ und schon sind sie mitten im Geschehen. Weil dies aber kein Märchen ist, muss ich mir etwas anderes ausdenken.

Am Besten ist es, wenn ich Dich auf eine Wanderung mitnehme. Wir fassen uns an den Händen und wandern hinaus aufs Land zu einem Schloss, das man mit seinen drei Stockwerken und dem roten Ziegeldach eher für ein sehr großes Haus halten könnte, weil es keine Türmchen, Erker und sonstige Verzierungen hat, die man von anderen Schlössern kennt. Es steht inmitten eines großen Parks in dem dicke, alte Buchen, knarzige Eichen und dazwischen einige exotische Bäume wachsen, die kaum ein Mensch mit Namen zu nennen weiß. Besonders die hohen Buchen mit ihren silbergrauen Stämmen sind wie mächtige Pfeiler eines riesigen grünen Gewölbes, das im Sommer vor Hitze schützt und auch vor Regen, wenn es nicht gerade, wie aus Kannen gießt.

 

Durch den Park marschieren wir weiter zu einem munter dahinplätschernden Bächlein, welches eine natürliche Grenze zu den dahinter liegenden Auen bildet, überqueren eine schmale Brücke und laufen weiter hinaus zu Obstwiesen und Feldern auf denen Getreide, Rüben und Kartoffeln gedeihen. Und irgendwo zwischen den Äckern, am Rande eines Roggenfeldes liegt versteckt ein Dorf, dass man leicht übersehen kann, wenn man nicht sehr aufmerksam hinschaut. Sicherlich hast Du schon bemerkt, dass dies kein gewöhnliches Dorf ist, denn Menschen leben nicht darin. Dieser abgelegene Ort wird von Hasen bewohnt, die ihre Wohnhöhlen, die man auch Baue nennt in den Boden gegraben haben. Dorthin lenken wir jetzt unsere Schritte. Pst, wir müssen uns vorsichtig nähern, sonst reißen die scheuen Langohren aus. Hoppla, hier ist ja allerhand los, alle Hasen hoppeln ausgelassen umher und wir kommen gerade zur richtigen Zeit, um die Hochzeit von Gerlinde und Paul Hoppelpoppel mit zu erleben. Diese Hochzeit ist ein Ereignis, von dem alle Hasen im Dorf sagen, dass die Beiden sich ihr Glück redlich verdient haben. Dies berichtet uns ein großer alter Hase, der nachdenklich an ein paar Kleeblättern mümmelnd etwas abseits der fröhlichen Gesellschaft neben einem Himbeerstrauch sitzt. Wir setzen uns an seine Seite zwischen Gänseblümchen und Löwenzahn und hören zu, was er uns zu erzählen weiß!

Gerlinde Schnuppernase und Paul Hoppelpoppel hatten sich bei den Vorbereitungen für das Frühlingsfest kennen gelernt, das jedes Frühjahr im Hasendorf gefeiert wird, sobald Schnee und Eis auf den Feldern rings umher geschmolzen sind. Die Hasen feiern den Frühling, der mit seinen linden Lüften die Blätter an den Bäumen knospen lässt und natürlich die Liebe, die in den ersten warmen Frühlingstagen genauso in den Hasenherzen zu sprießen beginnt, wie die saftigen Grasspitzen, die frisch und grün aus dem Boden luken.

Gerlinde Schnuppernase war ein tatkräftiges, adrettes junges Hasenfräulein und Paul Hoppelpoppel ein kräftiger, verständiger Junghase und manch liebevoller Blick wanderte zwischen den Beiden hin und her. Als die Wettkämpfe zwischen den Junghasen begannen, sprang Paul nur für Gerlinde so hoch, dass er alle Rekorde des Vorjahres brach und nur für Gerlinde gewann er alle Boxkämpfe, obwohl diese nicht gerade seine ganz große Stärke waren und er im vergangen Jahr manche Niederlage hatte einstecken müssen.

Es war Sommer geworden als Paul und Gerlinde entschieden, dass sie nun genug Zeit miteinander verbracht hatten, um gewiss zu sein, dass sie ihr Leben lang zusammen bleiben wollten. Als Paul bei Gerlindes Papa, dem alten Aaron um ihre Hand anhielt, musse er jedoch eine schwere Enttäuschung einstecken. Papa Aaron verweigerte nämlich die Zustimmung zur Hochzeit der Beiden. Einmal, weil er Gerlinde nicht verlieren wollte, er war da ein wenig egoistisch, schließlich hatte er seine Tochter allein groß gezogen. Aber Aaron glaubte auch, dass eine so junge Liebe wenigstens einmal auf die Probe gestellt werden müsse, um herauszufinden, ob es auch echte Liebe war, oder doch nur ein Strohfeuer, dass in kurzer Zeit verraucht sein würde.

Als Gerlinde davon erfuhr war sie darüber so unglücklich, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas Unüberlegtes tat. Das war auch nicht verwunderlich, denn jeder, der so etwas schon einmal erlebt hat weiß, dass jemand in diesem Zustand nicht die allerklügsten Entscheidungen trifft. Niemand sollte ihre Tränen sehen und deshalb rannte Gerlinde in den nahen Wald, wo keiner sie stören sollte, bis sie sich beruhigt hatte. Blind vor Tränen achtete sie nicht darauf, wohin sie lief und stolperte so unglücklich über einen Ast, dass sie sich den rechten Hinterlauf verstauchte. Autsch! Das tat verdammt weh. Mühsam humpelnd verkroch Gerlinde sich in eine kleine Senke, in der ein Farnbusch seine Blätter schützend über sie breitete. Und hier im kühlen Bauch des Waldes fühlte sie sich erst einmal sicher und vor mitleidigen Blicken geschützt.

Nun musst Du wissen, dass dieser Sommer der heißeste war, den jemals ein Hase erlebt hatte. Selbst der alte Aaron konnte sich nicht erinnern, dass es so lange nicht einen einzigen Tropfen geregnet hatte. Wochenlang hatte sich die Erde unter dem hoch gewölbten, dunkelblauen, wolkenlosen Himmel geduckt, von dem die Sonne Tag für Tag ihre glühenden Strahlen schickte, die den Bach leer tranken und den Fluss in ein Rinnsal verwandelten. Junge kräftige Baumsprösslinge verdorrten zu blattlosen Ruten und würzige Grasspitzen und kräftige Getreidehalme welkten zu dürren, strohig-gelben harten Stengeln. Auch im Wald war es nicht mehr kühl und angenehm. Man konnte die Trockenheit förmlich riechen, denn es roch sehr stark nach Harz und Tannennadeln.

Zwischen Fichten und Eichen, Buchen und Birken verlief ein Wanderweg, der zu einer Lichtung führte. Auf diesem Weg wanderten manchmal Eltern mit ihren Kindern am Wochenende zu einem Rastplatz, den fleißige Menschen auf dieser Lichtung angelegt hatten. Zwischen zwei robusten Holzbänken, aus dicken Holzbrettern gezimmert, stand ein Tisch und alles war von einem Dach überdeckt. So wurden rastende Wanderer nicht nass, wenn sie vom Regen überrascht wurden. Kinder konnten hier ihre, vom Laufen müden Füße ausruhen und die Mütter Kuchen und Kakao auspacken und alles, was man für ein Picknick sonst noch benötigt. Die Menschen fühlten sich wohl hier, aber ach, wie schlimm sah der Platz aus, wenn er verlassen war! Der Papierkorb war übervoll und Müll quoll über seinen Rand. Ringsumher lagen verteilt auf dem Waldboden Eierschalen, Butterbrotpapier und Essensreste und so mancher kleine Waldbewohner hatte sich schon an Brot und salziger Wurst den Magen verdorben. Außerdem hatte jemand eine Glasflasche zerschlagen und niemand hatte die Scherben fortgeräumt. Sie lagen verstreut zwischen all dem zurückgelassen Unrat. Nur ein vorwitziger Sonnenstrahl fand Gefallen an diesen kleinen glänzenden Glasstücken und spiegelte sich ausgiebig darin. Dadurch entzündete sich ein darunter liegendes, achtlos fortgeworfenes Papiertaschentuch. Erst qualmte es nur ein wenig, doch dann war da plötzlich ein unruhiges kleines Flämmchen, das kichernd hin und her huschte. Doch Feuer benötigt nicht viel, nur Luft und ein wenig verdorrtes Gras und dürres Holz als Nahrung und deshalb wurden aus der einen Flamme bald mehr und immer mehr und schließlich loderte prasselnd ein Feuer im Wald, welches sich in Windeseile ausbreitete und das war das Schlimmste, was den Tieren, die darin lebten passieren konnte.

Gerlinde, die sich eben noch geborgen gefühlt hatte, spürte plötzlich eine Bedrohung. Wachsam schnupperte sie, aber weil sich kein Lufthauch rührte, konnte ihre Nase keine Botschaft aufnehmen. Doch bald brachen die ersten Tiere schnaufend durchs Gebüsch. Gerlinde um Haaresbreite verfehlend, schlugen neben ihr die Hufe eines Rehbocks auf dem Boden auf. „Was ist geschehen?“ rief Gerlinde hinter ihm her, doch der Eilige war im nächsten Moment schon viel zu weit fort und hörte sie nicht mehr. „Feuer, Feuer, es brennt, es brennt“ warnten sich die Tiere gegenseitig und Gerlinde wollte aufspringen, um ihnen zu folgen. Doch ihr Bein tat weh und hinkend kam sie nur langsam voran. Was sollte sie jetzt tun? Angstvoll sah sie zu, wie Igel, Mäuschen, dicke Hummeln, bunte Schmetterlinge, flinke Ameisen, bunt schillernde Krabbelkäfer und alle anderen Waldbewohner, voller Panik das Weite suchten. Selbst die dicke Kreuzspinne Amanda hatte ihr Netz verlassen und rannte, was ihre sechs dünnen Beinchen hergaben hinter den anderen Tieren her, weg vor dem drohenden Feuer, dass sie alle zu verschlingen drohte.

Plötzlich hörte Gerlinde eine bekannte Stimme ihren Namen rufen. Mit einem Schlage fühlte sie sich wieder sicher, denn es war Paul, der kam, um sie zu suchen. Einige aufmerksame Bewohner des Hasendorfes hatten dicke schwarze Rauchwolken gesehen, die sich über den Baumwipfeln auszubreiten begannen und Paul, der sich schon eine Weile Sorgen um Gerlinde gemacht hatte, rannte in den Wald, um zu sehen, warum sie nicht zurück kam. „Schnell, wir müssen hier raus!“ rief Paul Gerlinde zu. Als er sah, dass Gerlinde nicht vorwärts kam, versuchte er sie zuerst zu stützen und dann voran zu schubsen. Es half aber alles nichts, sie waren zu langsam und würden den rettenden Waldrand nicht erreichen. „Renne alleine los! Bring du dich in Sicherheit!“ schrie Gerlinde, die Pauls Verzweiflung sah. Aber der umarmte sie und brummte: „Ich verlasse dich nicht. Entweder wir schaffen es beide oder …“ Er beendete seinen Satz nicht. Hinter sich hörten Paul und Gerlinde, wie die Flammen sich knisternd durch das Unterholz fraßen. Ihre Herzen schlugen schnell und bang. Verzweifelt versuchte Gerlinde noch einmal dem Feuer, dessen sengende Hitze sie bereits zu spüren bekamen, zu entkommen. Doch mit ihrem verletzten Bein knickte sie immer wieder ein. Mit Schrecken bemerkten die beiden Hasen nun auch, dass die Flammen ihnen den Fluchtweg abgeschnitten hatten. Um sie herum toste ein Flammenmeer, vor dem es keine Rettung zu geben schien. Doch Paul, der die ganze Zeit nach einem Ausweg gesucht hatte, hatte mit seiner Nase einen feinen Geruch wahrgenommen. Dorthin musste er mit Gerlinde gelangen, dann waren sie gerettet. „Folge mir, schnell!“ brülle er Gerlinde zu und rannte in die Richtung, die seine Nase ihm wies. Immer wieder kam er zurück und Gerlinde, die ihren Paul nicht im Stich lassen wollte, gab noch einmal alles und schließlich bekam sie von diesem einen derben Schubser in den Rücken und rollte, vor Schreck laut aufkreischend einen langen dunklen Gang hinunter. Sie waren in einen Dachsbau geraten. Noch war die Gefahr nicht vorüber, aber hier unten konnten sie abwarten, bis das Feuer sich ausgetobt hatte.

Natürlich hatte, bei allem, was passiert war, niemand mehr auf das Wetter geachtet. Zuerst hatte ein leichter Windhauch einzelne kleine weiße Wolkenschafe über die schläfrige Welt gepustet, die wenig später zu riesigen Schafherden geworden waren. Bald darauf trieb der böige Wind tief herab hängende, zerfetzte, fast schwarze Wolken heran, die wie eine riesige Herde wild gewordener Wisente über den Himmel stürmten, beladen mit dem köstlichen Nass, auf das Pflanzen, Tiere und Menschen seit langem sehnsüchtig warteten. Dann schlief der Wind ein. Kein Laut war mehr zu hören, es war, als hielte die Natur rings umher den Atem an. Es war so still, dass man die Mäuse in ihren Löchern atmen hören konnte. Die Zeit blieb stehen. In der lastenden, erwartungsvollen Stille schien es, als würde jedes Blatt, jede Grasspitze, jede Blume, ja selbst die trockenen, aufgerissenen Äcker sich dem sehnlichst erwarteten Regen entgegen recken. Plötzlich wirbelte, ein einzelner, heftiger, aus dem Nichts kommender Windstoß Staub und trockenes, raschelndes Laub vor sich auf und dann endlich - platsch! Der erste schwere Tropfen klatschte groß und schwer in die Flammen und verdampfte zischend. Dem ersten Regentropfen folgten die nächsten - platsch und zisch, platsch und zisch, platsch und zisch bis aus den dicken grauen Wolken ein gleichmäßiger, starker Regen auf die Erde pladderte. Der Regen löschte das Feuer. Wasser tropfte von verkohlten Ästen auf schwarz verbranntes Laub. Der Boden war lauwarm, an manchen Stellen auch noch heiß, aber Gerlinde und Paul schafften es gemeinsam, mit angesengtem Fell zwar und wunden Pfoten ihr Heimatdorf zu erreichen. Sie waren erschöpft aber glücklich, als sie wieder zu Hause waren.

Herbst und Winter vergingen bis Gerlindes Bein wieder gesund war. Als sie im nächsten Frühjahr wieder fröhlich durch die Felder hoppelte, bat Paul den alten Aron ein zweites Mal, Gerlinde heiraten zu dürfen und diesmal sah dieser keinen Grund nein zu sagen, so dass die Hochzeit von Paul und Gerlinde schließlich doch noch gefeiert werden konnte.

Inzwischen ist es spät geworden. Die Langohren sind in ihren Bauen verschwunden und auch der große Hase ist fort. Ob das wohl der alte Aron war? Wir beide sitzen zwischen Gänseblümchen und Löwenzahn und fragen uns, ob wir nur geträumt haben. Vielleicht hat uns das Pfeifen des Windes genarrt. Es beginnt zu dämmern und auch für uns ist es Zeit nach Hause zurück zu laufen.

 


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