Hasenohren

Hasenohren

 

Der Frühling ist mit Märzenbechern, Kuckucksrufen und Weidenkätzchen zu Menschen und Hasen zurück gekehrt. In den Tälern der Ackerfurchen haben sich noch einige letzte Schneereste erhalten, die die kräftigen Märzsonnenstrahlen noch nicht wegtauen konnte. Im Hasendorf ist Frühlingsfest. Das musst du gesehen haben. Vor Freude über die ersten grünen Grasspitzen, die langen Tage und die warmen Sonnenstrahlen, sind alle Hasen vor Freude ganz aus dem Häuschen. Da werden Boxkämpfe und Meisterschaften im Hakenschlagen veranstaltet und natürlich darf die Familie Hoppelpoppel bei diesem Fest nicht fehlen. Sogar Papa Paul, vergisst dabei, dass er schon ein sehr alter Hase ist und legt sich ordentlich ins Zeug. Zwar bleiben die jungen Hasen bei den Boxwettkämpfen immer Sieger, aber im Hakenschlagen und Hochspringen macht ihm so schnell niemand etwas vor. Das Frühlingsfest ist die einzige Zeit im Jahr, zu der die Hasen selbstvergessen umher tollen, ohne an ihre ständige Furcht vor ihren Feinden zu denken. Isabella, der rotbraunen Füchsin, die jetzt ihre Jungen versorgen muss und Harald, dem roten Milan, dem größten Zugvogel Europas, der über die Alpen aus Italien wiedergekehrt und immer hungrig ist, kommt die Leichtfertigkeit der Langohren nicht ungelegen. Das alles kümmert die Hasen jetzt nicht. Sie feiern ihr Frühlingsfest, die Junghasen beginnen den Hasenmädchen hinterher zu sehen, Ehen werden geschlossen und die Welt der Hasen ist ein einziger riesiger Wirbel, ein Freudentaumel aus Temperament, Lebensfreude und Ausgelassenheit.  

Niemand bemerkt deshalb, dass sich eines der Hasenkinder traurig von den lustigen Kameraden und Geschwistern weggeschlichen hat. Alexandra Hoppelpoppel will mit den Anderen nichts mehr zu tun haben. Sie ist die jüngste der Hoppelpoppelfamilie und ein großer Kummer bedrückt ihr Herz, weil alle sie wegen ihrer großen Ohren und Pfoten auslachen. Alexandra ist ein kleines zierliches Häschen, nur hat sie viel längere Löffel und viel größere Läufe, als die anderen Hasenkinder. Erst vorhin hatte sie beim Hasche spielen wieder einmal einen Purzelbaum geschlagen, weil sie im Überschwang des Spieles mit den viel zu großen Pfoten auf ihre Ohren getreten und gestolpert war. 

Alle Hasenkinder hatten sie ausgelacht, am lautesten ihre Brüder Lenny und Kurt und es hatte sie auch nicht getröstet, als Mutti Gerlinde sie gestreichelt und ihr liebevoll neckend erklärt hatte, dass Alexandra jetzt jeden Tag viel grünen Klee fressen müsse, damit sie in ihre großen Ohren und Pfoten hineinwachsen könne. Alexandras kleines Herz ist schwer und ihr Kummer so lang, wie ihre Ohren und so groß, wie ihre Pfoten. Sie hoppelt an ihren Lieblingsplatz, den Forsythienstrauch am Wegesrand, dessen gelbe Blüten bald wieder weithin leuchten werden. Alexandra liebt diesen Platz, der Strauch hatte sie schon oft vor dem Spott der anderen Hasenkinder verborgen. Aber heute war schon jemand vor ihr da. 

„Hau ab!“ faucht Max, der Dachsjunge sie an. Erschrocken springt Alexandra zurück. Was ist denn mit dem gutmütigen, behäbigen Max los? Der ist doch sonst durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Ungläubig fragt Alexandra das Erste, was ihr in den Sinn kommt „Hast du etwa auch Kummer?“ „Nnnein.“ kommt die zögernde Antwort. „Also ja“ denkt Alexandra, behält ihre Gedanken jedoch für sich. Vorsichtig und leise rückt sie näher und kauert sich auf der anderen Seite des silbrig schimmernden Stammes ins frische grüne Gras, legt die Ohren an und denkt sich, wie viel leichter es doch ist, zusammen mit einem anderen statt allein unglücklich zu sein. Lange sprechen beide kein Wort miteinander und jeder von ihnen hängt seinen Gedanken nach. Endlich beginnt Max doch zu erzählen. Er berichtet Alexandra von den Fuchswelpen, aus dem Nachbarbau, die ihn neuerdings hänseln, weil sie beim Hasche und Versteck spielen viel schneller sind als er. „Früher, als sie noch klein waren, da mochten sie meine Ruhe und dass ich da war für sie, um sie zu trösten und zu beschützen, wenn ihre Mutter auf Jagd war. Sie fürchteten sich allein und darum gefielen ihnen meine Geschichten, die ich mir für sie ausdachte. Aber Tom, Dicki, Erik, Siegfried und Katharina sind gewachsen und flink und nun spotten sie, weil ich ihnen zu behäbig bin.“ „Schöne Freunde habe ich“ murrt Max „Und du bist wütend, weil sie dich nicht mehr brauchen.“ sagt das Hasenmädchen Alexandra etwas naseweis. Sie denkt an ihren eigenen großen Kummer und deshalb hoppelt sie spontan zu Max hinüber, stellt sich vor ihm auf die Hinterläufe, umarmt ihn und streicht ihm über sein kurzes graues Fell, das auf dem Rücken einen weißen Streifen hat. „Ach du alter, liebenswürdiger, brummiger Dussel sei nicht mehr traurig, ich habe dich so lieb, wie du bist. Was soll ich denn da sagen?“ und nun erzählt Alexandra dem Dachsjungen Max ihre Geschichte, die Du ja bereits kennst. 

„Das glaube ich jetzt aber nicht.“ wundert sich Max. „Ausgerechnet meine kleine Freundin, die die schönsten Lauscheohren und die größten Liebkosepfoten hat, ärgert sich, weil die anderen das noch nicht herausgefunden haben?“ Und Max stupst mit seiner feuchten schwarzen Nase an Alexandras Hasennase und beide sind sehr zufrieden, einen so verständnisvollen Freund zu haben.

 

 
 

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