Isabella

 

Igitt, hier riecht es aber unangenehm.“, sagten Menschen zueinander, wenn sie sich, was ohnehin nur selten geschah, auf einen schmalen Pfad verirrten, der sich in unmittelbarer Nähe von Isabellas Bau, wie eine von einem Knäuel abgewickelte Schnur durch Fichten-, Eichen-, Buchen- und Birkenstämme wand. Isabella Reineke, die Füchsin mit dem rostroten Fell war jedoch ganz anderer Meinung. Inmitten des weiten mächtigen Waldes bewohnte sie eine große Wohnhöhle mit mehreren Aus- und Eingängen, die gut durch Farnkraut und Gebüsch getarnt waren. In diesem Bau, welchen sie nach Fuchsart sauber hielt zog Isabella ihre vier Jungen auf. Nun ja, Isabella verstand nicht, warum die Zweibeiner ihre Nasen rümpften, es duftete angenehm nach Knochen und anderen Leckerbissen, die sie im Umkreis vergraben hatte und es roch nach ihr und ihren Jungen. Aber die Füchsin vergaß bald, sich über die menschliche Überheblichkeit zu ärgern, denn sie hatte andere Sorgen. 

Isabella wusste nur zu gut, wie trügerisch der Frieden war, der über dem Wald und den angrenzenden Auen zu schlummern schien. Sie schlich durch hohes Gras, schnürte durch dorniges Gebüsch, ständig wachsam die Ohren gespitzt, bestrebt kein noch so leises Rascheln zu überhören, denn auch das kleinste Tier konnte Beute sein. Darum war sie immer auf der Hut, um nicht vorzeitig entdeckt zu werden. In ihrem Bau warteten vier rotpelzige Welpen, ihre Söhne Tom, Dicki, Erik und ihre Tochter Katharina und um diese mit Nahrung zu versorgen ging sie auf Jagd. Froh war sie, dass Max, der Sohn der Dachsfamilie, die nahebei eine Höhle bewohnte, hin und wieder auf ihre übermütig werdende Rasselbande aufpasste, denn ihr Mann Robert, der Fuchsrüde, war eines Tages, als ihre Kinder noch in ihrem Bauch strampelten, von der Jagd nicht heimgekehrt und so musste sie sich allein durchschlagen.

Isabella fraß alles: Hasen, Fasanen, Mäuse aber auch mit Käfern, und Würmern gab sie sich zufrieden, denn sie musste fressen, um Milch für ihre Kinder zu haben. Sie war auch zur Stelle, wenn Harald, der rote Milan etwas von seiner Beute übrig ließ. Einmal hatte sie Glück und die so dringend benötigte Nahrung war ihr zugefallen, ohne dass sie etwas dafür tun musste. Isabella hatte beobachtet, wie Frieder, der Bussard, eine Taube geschlagen hatte. Weit oben, unter den Wolken schwebend hatte dieser seine Runden gedreht und sich dann blitzschnell, mit zusammengelegten Flügeln auf den Vogel herab gestürzt. Ein gellender Protestschrei, war alles, was die Unglückliche noch von sich geben konnte. Diesen Schrei hatten die Krähen vernommen. Die Schwarzfräcke, mit ihrem blau-schwarz in der Sonne glänzenden Gefieder hassten Frieder, weil er ihre Jungen aus dem Nest raubte. Das kam vor, wenn die Eltern unaufmerksam waren, weil sie wieder einmal im Geäst eines Baumes saßen und über Neuigkeiten aus der Tierwelt krakelten und sie rächten sich, indem sie den Bussarden ihre Beute abspenstig machten. An diesem Tag hatten die Krähen Frieder, mit seinem braun, weiß gesprenkelten Gefieder erspäht, als er gerade mit seiner Beute in den Krallen aufgestiegen war und hatten sich daraufhin laut krächzend auf den Raubvogel gestürzt. Nach einem kurzen ungleichen Kampf hatte der Bussard die Taube fallen lassen und diese war direkt vor Isabellas Läufen auf dem weichen Waldboden aufgeschlagen. 

Schon jetzt, im zeitigen Frühjahr, war der Wald ausgedörrt und roch trocken nach Fichtennadeln. Es hatte lange Zeit schon keinen Tropfen geregnet und alle Tiere litten unter der Wärme. Auch wenn es noch nicht die sengende Hitze des Sommers war, bewegte sich niemand von der Stelle, wenn es nicht unbedingt sein musste. In den Mittagsstunden verkroch sich jeder Waldbewohner, der es sich leisten konnte in den Schatten und verschob die Nahrungssuche auf den zeitigen Morgen oder die späten Abendstunden. Bis zu dem Tag, an dem sie das fremde Junge fand, schlich auch Isabella sich hin und wieder für einige Zeit an einen kühlen, schattigen Ort, an dem sie ungestört eine Weile vor sich hin dösen konnte. Die Füchsin genoss diese Momente sehr, ohne zu ahnen, wie sehr sie sich schon bald nach ihnen zurücksehnen würde. 

Es war einer jener unglückseligen Tage, an denen die Fähe noch nichts weiter, als einige kleine Käfer gefangen hatte. Ihr Magen knurrte und sie setzte sich auf die Hinterläufe, um zu lauschen. Im Wald war es heute verdächtig ruhig und plötzlich hörte sie einen Ton, der ihr durch Mark und Bein ging. Ganz leise schniefte da jemand. Neugierig geworden blickte Isabella vorsichtig durch die Äste eines Strauches. Eine tote Füchsin lag auf der Lichtung vor ihr im Gras und neben ihr saß ein Junges, das seine Mutter immer wieder vorsichtig anstubste. Behutsam kam Isabella näher, sie konnte den Tod riechen und wusste sofort, dass hier jede Hilfe zu spät kam - die Füchsin war von einem Auto angefahren worden, hatte es noch bis zur Lichtung geschafft und war hier zusammengebrochen. Nun hatte ein kleines Füchslein keine Mutter mehr. „Deine Mutti wird jetzt sehr lange schlafen“ sagte Isabella zu dem Kleinen. „Am besten du stehst jetzt auf und ich nehme dich mit zu meiner Rasselbande“ Als aber das Junge versuchte aufzustehen, stellte sich heraus, dass es sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, so schwach war es schon. Seufzend ließ Isabella sich auf das Laub des Vorjahres fallen, das den Waldboden bedeckte und hielt dem Füchslein erst einmal ihre vollen Zitzen entgegen, damit es sich für den weiten Weg an ihren Milchquellen stärken konnte. Als das Junge danach noch immer nur schwankend voran kam, nahm die Füchsin es vorsichtig mit ihren Zähnen im Nackenfell auf und trug es kurzerhand nach Hause.

Als Isabella mit dem jungen Füchslein in ihrem Fang zu ihrer Behausung kam, stellte sich heraus, dass es ein Junge war und Siegfried hieß. Siggi wurde gleich in die derben Spiele der anderen Jungen mit einbezogen. Es dauerte nicht lange, da tobte sie mit ihnen so ausgelassen, als wäre sie schon immer mit dabei gewesen und es war noch keine Woche vergangen, da war er ein Familienmitglied wie jedes andere.

Für Isabella jedoch begann nun eine schlimme Zeit, denn sie musste einen Fresser mehr satt bekommen. Sie gönnte sich keine Ruhe, um Nahrung für ihre Jungen zu beschaffen, aber das Jagdglück verließ sie, ihr Fell verlor seinen Glanz und ihre Milchquellen versiegten fast ganz. Sie magerte ab und wurde so schwach, dass sie manche Beute verfehlte. Einmal ärgerte sie sich besonders, als ein junger zarter Hase, den sie schlafend unter einer Weide erwischte, sie überlistet hatte und ihr im letzten Moment entkommen war. Und deshalb tat Isabella etwas, was auch Füchse nur sehr ungern tun, weil es unweigerlich Unfrieden mit sich bringt - sie begann die Ställe der Menschen in den umliegenden Dörfern zu plündern. Hin und wieder fing sie ein Huhn. Wenn sie Glück hatte erwischte sie auch eine Ente und bald musste Frau Reinecke sehr vorsichtig sein, denn die Menschen begannen Fallen aufzustellen oder vergiftete Fleischköder auszulegen, um ihr Federvieh zu schützen. Aber Füchse sind listig und ihr Instinkt warnte Isabella immer rechtzeitig vor Gefahren, so dass sie aus allen Abenteuern mit heilem Pelz davonkam. All diese Ereignisse sorgten dafür, dass Isabella ständig unterwegs war, kaum noch zum Luft holen kam und die Zeit wie im Fluge verging.

 

 

 

Eines Tages, als Isabella mit einem Fasan im Maul zu ihrem Bau zurückkehrte, stand der Ärger in Person einer Nachbarin vor der Tür. Grete Gertenschlank schaute grimmig auf Isabellas übermütig Hasche spielende Sprösslinge. Sie fauchte: „Deinetwegen jagen uns die Menschen. Du warst einige Male sehr dreist und jetzt lauern sie allen Füchsen auf. Das können wir nicht dulden. Wir verlangen von dir, dass du das fremde Junge wieder an den Ort zurück bringst, an dem du es gefunden hast.“ Isabella verschlug es die Sprache. Sie war so verblüfft, dass ihr nicht einfiel Grete vorzuwerfen, dass die anderen der Sippe ihr nicht geholfen hatten, wie es Brauch war. Nicht einer der anderen hatte seine Beute geteilt oder das fremde Junge in seiner Familie aufgenommen. In diesen harten Zeiten war jeder mit sich beschäftigt gewesen und froh, die eigene Familie über die Runden zu bringen. Prüfend blickte Isabella Grete an. Sie schien sehr wütend zu sein. Dies war ja auch verständlich: immer wieder waren in der letzten Zeit Unfälle passiert: Füchse waren von Menschen angeschossen oder verprügelt worden und einige waren in Fallen geraten und hatten sich nur mit Not daraus befreien können. Aber dafür konnten die anderen Familien doch nicht das fremde Junge verantwortlich machen, oder? Dann kam Isabella jedoch ein sehr guter Gedanke. „Kommt einmal alle zu mir und stellt euch vor mir in einer Reihe auf!“ befahl sie ihren Kindern. Atemlos kamen Siegfried, Dicki, Tom, Katharina und Erik, einer hinter dem anderen, angetrabt und stellten sich vor den beiden Füchsinnen auf. Ernst blickte Isabella Grete an. „Ich kann sie schon lange nicht mehr auseinander halten. Ich habe sie gesäugt, und ihnen unter Gefahr meines Lebens Futter gebracht. Keines von ihnen hat mehr bekommen als die anderen und oft genug konnten sie sich nur den Hunger teilen. Darum gibt es nicht eines unter ihnen, welches mein Herz nicht mein Kind nennen würde. Sage du mir deshalb, welches meiner Kinder das fremde Junge ist, und ich will es wieder auf die Lichtung zurück bringen, auf der ich es fand.“ Ratlos sah Grete auf die fröhliche Kinderschar, denen der Schalk und die gute Laune aus den glänzenden Augen blitzte. Alle Geschwister waren gleich groß, alle hatten das gleiche rotbraune, glänzende Fell und zu allem Übel rochen sie auch noch alle gleich. Es gab kein Zeichen, an dem Grete Gertenschlank eines der Kinder als das fremde Junge erkennen konnte. Das war zu viel für Grethe. Zähneknirschend und auch etwas beschämt wandte sie sich ab und trollte sich dorthin zurück, woher sie gekommen war.

Isabella war von Herzen froh, als sie Grete davon traben sah. Nur sie allein wusste, dass Siegfried, als einziges ihrer Kinder ein Muttermal hinter dem Ohr hatte, das ihn von den anderen unterschied: einen kleinen braunen Fleck, der die Form eines Blattes hatte. Isabella hatte ihn entdeckt, als sie Siegfried an dem Tag, an dem sie diesen neben ihrer toten Mutter gefunden und in ihrem Maul nach Hause getragen hatte. Dieses Geheimnis behielt sie ihr Leben lang für sich und so erfuhr nicht einmal der neugierige Wind davon.