Lautloser Aufschrei

LAUTLOSER AUFSCHREI


09. Februar 1983 01:30 Uhr

Ich will zurück nach Hause. Ich weiß nicht wo dieser Ort liegt, aber ich weiß, dass ich schon einmal dort war. Seitdem habe ich ihn vergeblich gesucht. Dieser Ort ist schön. Im hintersten Winkel findet sich eine halbvergessene Erinnerung, wie ein Echo aus einer längst vergessenen Zeit. Ein Traum von vollkommener Harmonie in dem alles grenzenlos ist. Grenzenlos und ohne Bedingungen: Vertrauen, Liebe, Frieden. Von diesem Ort bin ich einmal gekommen und dorthin will ich zurück. Zurück nach Hause. Ich muss diesen Ort wieder finden, unbedingt, unter allen Umständen. Hier ist er jedenfalls nicht. Hier habe ich mich nie zuhause gefühlt. Hier ist es kalt. Seit ich hier bin habe ich immer nur gefroren und Angst vor jedem neuen Tag.

Es ist dunkel und ich fühle mich unendlich allein. Vor mir auf dem Tisch stehen eine halb leere Flasche Rotwein und ein Glas. Das Glas ist voll. Ich habe eine Kerze angezündet. Vorsichtig hebe ich das Glas, drehe es vor der Flamme. In der roten Flüssigkeit darin schimmern unzählige kleine Funken.

Stundenlang sitze ich schon so, in das Licht der Kerze starrend, kleine Schlucke Wein trinkend, in mich hinein lauschend. Immer wieder fülle ich das Weinglas neu. Es ist still. Seitdem ich den Entschluss gefasst habe nach Hause zu gehen, fühle ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit vollkommen ruhig. Wut und Selbstmitleid sind einer unermesslichen Leere gewichen und die Erinnerung an den einzigen Ort, an dem ich mich jemals vollkommen wohl gefühlt habe ist immer intensiver geworden. Ich spüre nur noch den einzigen Wunsch, mich einfach ins Bodenlose fallen zu lassen. Mir wird warm und leicht bei dem Gedanken, wie befreiend es sein wird, nur dieses eine Mal die Kontrolle verlieren und loslassen zu dürfen. So sein zu dürfen, wie ich bin. Nie mehr will ich Erwartungen erfüllen müssen, denen ich nicht gerecht werden kann. Ich habe es so satt ständig mein Bestes zu geben, das nie gut genug ist. Statt mir zu helfen, habt ihr mich verspottet. Statt mit mir über meine Fehler zu lachen, habt ihr mich angebrüllt. Statt mich in Eure Gemeinschaft aufzunehmen, habt ihr mich ausgegrenzt. Eure Fröhlichkeit zu sehen tut weh, weil ich daran keinen Anteil habe. Noch nie habe ich mich unter Menschen so einsam gefühlt. Ich bin zum Sterben müde. Meine Kraft ist verbraucht. Ich will nicht mehr kämpfen müssen. Ich weiß nicht mehr weiter, will nur noch weg - fliehen vor den Karussellgedanken, die mir keine Ruhe lassen.

Was wird am Ende meines Weges auf mich warten? Wird noch Zeit bleiben für einen letzten Gedanken? Nachher werde ich die Antwort wissen - ich war heute in der Apotheke und habe meine Fahrkarte gekauft. Eigentlich sind es sechzig. Sechzig Fahrkarten, um mein Ziel auch bestimmt zu erreichen. Sechzig kleine weiße runde Dinger, die jetzt in mehreren Reihen vor mir liegen.

Eine Rückkehr ist nicht geplant.

Irgendwann beginnt sich alles um mich herum zu drehen - immer schneller und schneller. Schwerelos treibe ich inmitten eines mächtigen Strudels dahin, der mich immer weiter nach unten trägt. Dunkelheit umfängt mich mit samtweichen Armen. Stille. Ich habe gefunden, wonach ich so lange gesucht habe - meinen geschützten Ort, an dem mir niemand mehr weh tun kann. Geborgenheit. Alles ist gut. Ich bin angekommen. Endlich.

* * *

Endlich! So behaglich und froh habe ich mich seit langer Zeit nicht mehr gefühlt. Da habe ich doch große Lust, gleich einen Looping zu fliegen. Juhu, wie leicht das geht! Gleich noch einen und noch einen ganz großen hinterher. Mann, ist das toll - kein Widerstand, nicht der kleinste Lufthauch weht mir entgegen!

Ja, für den Anfang sah das gar nicht schlecht aus. Mit einem bisschen Übung kannst du die nächsten Meisterschaften gewinnen. Herzlich willkommen!

Das klang aber sehr ironisch. Warum seht ihr mich denn so komisch an?

Weil du zu zeitig dran bist und noch gar nicht hier sein dürftest.

Was heißt das?

Das heißt, dass wir dich noch nicht erwartet haben.

Und, ist das sehr schlimm?

Nein, ist es nicht. Es ist nur so, dass du deine Aufgabe noch nicht erfüllt hast.

Was denn für eine Aufgabe?

Bevor du auf die Welt gingst, hattest du dich verpflichtet eine Aufgabe zu übernehmen und bis jetzt hast du noch nicht einmal ansatzweise damit begonnen, sie zu erledigen. Du wirst dich daran erinnern, wenn du bereit dafür bist.

Also darf ich nicht bei euch bleiben?

Doch, natürlich darfst du das, wenn du es wirklich willst. Wenn es wirklich dein Wunsch ist, musst du nicht zurück. Es ist ganz allein deine Entscheidung.

Ich weiß nicht, was ihr meint. Also, ich muss ganz bestimmt nicht wieder fort gehen?

Nein. Du wolltest hier sein und wenn du bleiben willst, bist du jederzeit willkommen. Wir meinen nur, dass du dir für eine Entscheidung Zeit lassen solltest. Ruhe dich erst einmal aus, hier ist der richtige Ort dafür.

Ja, dazu bin ich doch zu euch gekommen. Ich fühle mich so wohl hier.

Natürlich, das sollst du doch auch. Lass dir Zeit für deinen Entschluss, so lange du dazu benötigst. Aber du sollst auch wissen, dass du jetzt noch die Möglichkeit hast umzukehren und, dass es Menschen gibt, die du im Stich gelassen hast, die dich brauchen und Kummer haben, deinetwegen. Vielleicht sollten wir es wiederholen: Egal, wie du dich entscheidest, hier bist du jederzeit willkommen. Jederzeit. Verstehst du das?

Ich glaube nicht, dass mich jemand vermisst. Bis jetzt hat mich jedenfalls niemand gebraucht.

Ja, wo, um Himmels willen, hast du denn deine Augen gehabt? Mit diesem Missverständnis hast du dir dein Leben nur unnötig schwer gemacht.

Nun sieh uns nicht so traurig an. Wir geben dir ein Versprechen mit auf den Weg: Immer, wenn du Hilfe brauchst, wird einer von uns an deiner Seite sein. Es war sowieso immer jemand in deiner Nähe.

Davon habe ich aber nichts bemerkt. Wie soll ich euch denn erkennen?

Nun, du erkennst uns daran, dass immer der richtige Mensch im richtigen Moment deinen Weg kreuzt, wenn du Schutz und Unterstützung brauchst. Du wirst uns in jenen Menschen finden, die mit dir lachen, deine Sorgen mit dir teilen und dir helfen werden, dich in deinem Leben zuhause zu fühlen. Schließe die Augen und sieh mit deinem Herzen! Das ist der einzige Rat, den wir dir mitgeben können. Und falls dir dieser Satz bekannt vorkommt, derjenige, der ihn gesagt hat, war auch einer von uns.

Nun wünschen wir dir Glück auf deinem Weg und Kraft für deinen Entschluss. Frieden sei mit dir.

* * *

09. Februar 1983 12:30 Uhr

Sie kommt von der Arbeit nach Hause und ist froh, Feierabend zu haben. Sie fühlt sich abgespannt, freut sich darauf, in Ruhe ein „Käffchen“ zu trinken. Sie überlegt, was sie zu Mittag essen will. Vom Abendbrot gestern sind einige Kartoffeln übrig geblieben. Die kann sie braten und dazu ein Ei in die Pfanne schlagen. Danach wird sie beginnen die Wohnung sauber zu machen.

Seit Wochen schon macht sie sich Sorgen um ihre älteste Tochter. Seitdem diese die Lehre zu ihrem Traumberuf als Köchin begonnen hat, wirkt sie unsicher und aggressiv, weil sie mit den Leuten und deren rüder Art mit Fehlern umzugehen nicht klar kommt. Ihre Große war schon immer ihr Sorgenkind - oft krank, übersensibel, aufmüpfig und unangepasst. Sorgenvoll schüttelt sie den Kopf. „Was soll nur aus ihr werden?“ fragt sie sich.

Es ist so ruhig. Zu ruhig. Müsste Isolde nicht schon längst aufgestanden sein?

Sie sieht im Kinderzimmer nach. Isolde schläft noch tief und fest.

Sie wundert sich: „So lange schläft sie doch sonst nach der Spätschicht nicht. Was ist nur los?“ Langsam wächst ein furchtbarer Verdacht in ihr. Ratlos blickt sie sich im Raum um. Fragt sich, was sie tun soll. Flüchtig wischt sie mit den Fingerspitzen über einen der Schränke. Pustet achtlos den Staub von ihren Fingerspitzen. „Wieder nicht Staub gewischt. Wann will das Mädel endlich erwachsen werden?“ Sie seufzt, öffnet den Schrank und ärgert sich über die darin herrschende Unordnung. Ihr Blick fällt auf eine halbleere Tablettenpackung. „Schlaftabletten? Wüsste nicht, dass Isolde jemals Einschlafprobleme hatte.“ Plötzlich begreift sie. Hastet los Richtung Telefon, strauchelt über einen am Boden liegenden Gegenstand. Ihr wird schwarz vor Augen…

* * *

09. Februar 1983 13:30 Uhr

Fünf Minuten Pause. Noch eine halbe Stunde bis zum Schichtende. Mann oh Mann, jeden verdammten Tag durcharbeiten ohne Unterbrechung. Nicht essen, nicht trinken, bis jetzt. Verkehrsunfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle. Man stumpft ab mit der Zeit. Geht auch nicht anders, man kann nicht mit jedem Menschen mit leiden.

Endlich einmal Ruhe, fünf Minuten Zeit, um in die Schnitte zu beißen und einen Schluck Kaffee zu trinken. Er blickt auf, im Zimmer gegenüber wechselt Schwester Roswitha einer Patientin den Tropf. Dazu der unvermeidliche Karbolgeruch. Echt anheimelnd, denkt er, da klingelt das Telefon schon wieder. Der Kollege von der Zentrale gibt eine Adresse durch. Eine Frau bekommt ihre Tochter nicht wach. Wahrscheinlich Tablettenvergiftung.

Scheiße! Die Selbstmorde sind das Schlimmste. Als ob sie nicht auch ohne Leute, die nichts Besseres zu tun haben, als überstresstes Krankenhauspersonal von der wohlverdienten Pause abzuhalten, alle Hände voll zu tun hätten. Er notiert die Anschrift, knallt wütend den Stift auf den Schreibtisch, dann rennt er los. Sein Kollege startet das Auto, als sie die Ausfahrt passieren schaltet er die Sirene ein. Er liest den Straßennamen laut vor, es ist nicht weit, nur durch drei, vier Straßen und einige Kurven müssen sie, dann sind sie an Ort und Stelle. Vor einer schmalen Einfahrt steht eine blasse, verweinte Frau, heftig mit den Armen winkend.

* * *

12. Februar 1983 05:45 Uhr

Guten Morgen! Na, so was, wer wird denn hier munter? Es wird aber auch Zeit, dass du aufwachst. So eine Schlafmütze. Das muss man erst einmal schaffen, drei Tage durchzuschlafen. Gib mir Deinen rechten Arm und mach mal ein bisschen mit. Es ist nämlich schwierig, einen Menschen zu waschen, der einfach nur daliegt und überhaupt nicht gut für meinen Rücken. Möchte nur wissen, was mit euch jungen Leuten los ist. Seit acht Wochen hatte ich kein freies Wochenende und du hast nichts Besseres zu tun, als dir den Magen mit Tabletten vollzustopfen.

Jetzt hebe mal dein rechtes Bein! Mensch Mädchen, du hast wirklich Glück gehabt. Glück, dass deine Mutti dich rechtzeitig gefunden hat. Glück, dass sich meine Kolleginnen nicht gescheut haben, deinen Magen auszugepumpen. Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Riesensauerei das ist und wie ungern wir das alle tun.

So, jetzt die linke Seite. Dein Kreislauf hat nicht versagt und deine Nieren arbeiten einwandfrei, das hat dein Leben gerettet. Mach was draus, damit meine Arbeit hier nicht ganz umsonst war. Viele Patienten schaffen es nicht und vergeblich um Menschenleben zu ringen, wird deprimierend mit der Zeit. Das war’s, du bist jetzt sauber. Heute kann ich beruhigt nach Hause gehen. Ich freu mich riesig auf den Tag, auf meinen Mann, die Kinder; am allermeisten aber auf den ersten Atemzug an frischer Luft, wenn Krankenhaus und Station für heute hinter mir liegen.

 

* * *

14.März 2010 15:00 Uhr

Zusammen mit meinem Lebensgefährten wandere ich am Ufer eines Teiches im Wermsdorfer Forst entlang. Unvermittelt bedeutet er mir durch ein Handzeichen leise zu sein. Interessiert folge ich seinem Blick. Schilf gibt den Blick frei über das vor uns liegende Gewässer. Dort, wo kalter, böiger Wind auf dessen Oberfläche trifft, kräuselt er das Wasser zu kleinen, spitzen, grauen Wellen. Vor uns zanken sich zwei Erpel im grün schillernden Federkleid; Flügel schlagend, mit weit geöffneten Schnäbeln gehen sie zischend aufeinander los, balzen, obwohl eine Entendame weit und breit nicht in Sichtweite ist. Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht sieht der Mann neben mir nach oben. Auf einem Ast über uns sitzt, eng zusammen gerückt ein Entenpärchen. Mir ist, als könnte ich die Beiden lauthals lachen hören, über die Streithähne da unten.

Viele solcher gemeinsamer Erlebnisse verbinden uns miteinander. Mein Fels in der Brandung - denke ich glücklich, als ich mich an ihn lehne. In diesem Moment dringt ein zaghafter Sonnenstrahl durch eine winzige Lücke in der Wolkendecke und gleitet wie ein heller Finger über das silbrige Wasser vor uns. Für einige Sekunden erhellt dieser den trüben Nachmittag, findet den Weg in mein Herz und plötzlich empfinde ich ein Glücksgefühl, das mich fast zerreißt und wie eine riesige Woge über mich hinweg braust. Der Gedanke trifft mich tief und kommt mir seit vielen Jahren zum ersten Mal, wie viel Schönes ich nicht gesehen, wie viele großartige Momente ich nicht erlebt hätte und dass ich ihm und vielen anderen wundervollen Menschen nicht begegnet wäre, hätte ich mit dem Versuch diese Welt zu verlassen, Erfolg gehabt. Ich möchte gleichzeitig jauchzen vor Freude und weinen, um alles, was fast nicht geschehen wäre, aber ich tue keines von beiden - stehe nur schweigend, an die Schulter meines Gefährten gelehnt, ergriffen von der Größe dieses Augenblicks.

 

 

 

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