Relativitätstheorie

RELATIVITÄTSTHERORIE          


Das Leben hat sich schon oft die Mühe gemacht, mich an die Hand zu nehmen und mir durch Erleben einer Episode die Möglichkeit gegeben etwas zu lernen. Die folgende kleine Begebenheit war wesentlich anschaulicher und einprägsamer als jede Theorie und blieb daher bis heute in meinem Gedächtnisspeicher erhalten. Zunächst lief ich neben meiner Oma durch den Harzkurort Gernrode, in dem sie damals wohnte. Oma hatte es eilig in den, mehrere Straßenzüge von ihrer Wohnung entfernten Gemüseladen des Ortes zu kommen, denn eine Nachbarin, hatte ihr im Vorbeigehen zugerufen, dass es Pfirsiche zu kaufen gab. Solch eine Rarität galt es natürlich zu ergattern. Wir hatten Glück - Schielke-Oma erbeutete eine ganze Stiege der überreifen Früchte. Diese mussten natürlich gleich gegessen werden und sie gab mir, sobald wir das Geschäft verlassen hatten, einen Pfirsich für den Heimweg in die Hand. Nie wieder habe ich solche köstlichen Früchte gegessen! Sie waren reif und süß und aromatisch und der zuckrige, klebrige Saft tropfte von meinem Kinn über Hand und Sachen auf die Erde. Himmel, dieses Ereignis ist jetzt fast vierzig Jahre her und ich könnte noch immer ins Schwärmen kommen, so lecker war dieses Obst.

Während nun Oma Tilde stolz die eroberte Stiege Pfirsiche nach Hause trug veranlasste ein freihändig fahrender Radfahrer die alte Dame zu dem überraschten Ausruf: „Na, der junge Mann ist aber leichtsinnig!“ Kopfschüttelnd sah sie ihm nach, aber als ich mir den Mann genauer angesehen hatte, wandte ich mich um zu ihr und erwiderte naseweis: „Aber Oma, der Mann ist doch schon alt.“ Kein Lexikon oder Duden hätte mir die Bedeutung des Wortes „relativ“ anschaulicher und einprägsamer erklären können. Ich hatte ERLEBT, dass für eine sechzig Jahre alte Dame ein vierzigjähriger Mann „jung“ und für eine zehnjährige vorlaute Göre „alt“ war und „Alter“ somit „relativ“, weil abhängig vom Standpunkt des Betrachters ist.

Manche Leute behaupten, dass es zu DDR-Zeiten nichts zu kaufen gab. Das stimmt so natürlich nicht. Es gab nicht Nichts zu kaufen. Es gab viele Dinge nicht ohne Beziehungen. Es gab viele Dinge nicht, wenn man sie dringend benötigte. Und oft war das Problem auch hausgemacht. Behauptete beispielsweise jemand, die Butter würde knapp, hamsterten die Leute - manche gleich zehn Stück - und dann waren in den nächsten Wochen natürlich die Kühlregale leer. In Fachkreisen nennt man so etwas auch: eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Seit der Wende, können wir nun Obst in jedem Supermarkt und selbst im Winter in ausreichenden Mengen kaufen. Doch mal ehrlich, die Früchte sind hart, unreif, haben kein Aroma, enthalten mehr Chemie als Vitamine und darum kaufe ich dieses bunt verpackte Wasser schon lange nicht mehr. Und, weil eine Geschichte schließlich auch eine Moral haben muss: Relativ betrachtet lebe ich heute im Paradies. Nach einer Stiege Pfirsiche muss niemand mehr anstehen, aber eigentlich hat sich nichts geändert. Früher habe ich selten Pfirsiche gekauft, weil es sie nur gelegentlich zu kaufen gab und heute kaufe ich gar keine, weil sie ungenießbar sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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