Reiner und das Meeting

 REINER UND DAS MEETING             

 

Mein Freund Reiner ist schwer in Ordnung und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn Reiner aufgeregt ist, und das ist er jedes Mal, wenn er Spannendes erzählt, rutscht er immer auf seinem Stuhl hin und her und seitdem bei einem seiner Besuche einer meiner Stühle unter ihm zusammengebrochen ist, finden unsere wöchentlichen Treffen in seiner Wohnung statt. Wenn ich am Montagabend zu ihm komme gibt es immer eine leckere Kleinigkeit zu essen, für die ich mich zwei Mal im Jahr mit einem Festmahl revanchiere. In der kalten Jahreszeit, laden mein Freund und ich uns oft Freunde ein, welche sich die, von meinem Freund Jörg während unserer gemeinsamen Radtouren aufgenommenen Dias gerne ansehen. Vor der Kultur bewirte ich meine Gäste mit einem Gericht aus dem jeweiligen Land, welches wir bereist haben, ein Vergnügen, zu dem auch Reiner und sein Sohn Oliver gerne kommen.

Reiner Herrig, der Fröhliche erzählt mit Begeisterung Geschichten - selbst erlebte, selbst erlauschte und selbst erflunkerte. Wir sind beide Autoren. Reiner hat einen Band mit wunderschönen Familiengeschichten veröffentlicht, ich ein Buch über eine Radtour entlang der Ufer von Neiße und Oder an die Ostseeküste. Beiden Büchern war, aus Gründen, die mit dieser Geschichte nichts zu tun haben, nicht der ganz große finanzielle Erfolg beschieden und ich hatte daher nicht vor wieder etwas zu schreiben oder gar zu veröffentlichen. Nun ermutigt mich Reiner schon seit mehr als einem Jahr meine Gedanken zu Papier zu bringen. Wie jedermann weiß, höhlt stetes Tropfen den Stein und seit einiger Zeit sitze ich mit wachsender Begeisterung wieder am Computer und schreibe Kurzgeschichten. Die folgende Episode hat Reiner mir zum Geschenk gemacht. Er erzählte sie mir, als ich eines Tages bei ihm aufkreuzte und meine Wut kaum noch im Zaum halten konnte, weil ich mich von einer Firma, bei der ich mich beworben hatte, betrogen fühlte. Kaum hatte ich ausgesprochen, dass diese Firma, welche sich als Verbraucherinformation bezeichnete, meiner Meinung nach ähnlich einer Sekte aufgebaut war, als er auch schon, um mich zu trösten und aufzuheitern damit begann eines seiner Erlebnisse zu berichten:

„Wie du bereits weißt, habe ich in Wurzen ein Lederwarengeschäft geführt. Die Buchhaltung ließ ich von einer Steuerberaterin bearbeiten, deren Lebensgefährte mich eines Tages dazu überredete, eine Werbeveranstaltung zu besuchen, für eine Sache, die im Volksmund Schneeballsystem genannt wird. Es handelte sich darum, dass man Fünftausend Mark einzahlen sollte um nach einiger Zeit Zwanzigtausend Mark zurück zu erhalten.“

„Ja ich weiß, was du meinst“ unterbrach ich ihn. „In meiner Schulzeit hatte ich so etwas mit Postkarten ausprobiert. Ich bekam, von einem mir völlig Unbekannten, einen Brief mit der Erklärung darin, dass ich bald sehr viele Ansichtskarten erhalten würde, wenn ich mich an alle darin enthaltenen Anweisungen halten würde. Zunächst sollte ich ein Schreiben gleichen Inhalts an mindestens vier meiner Freundinnen schicken und dann jeweils eine Postkarte an die vier, in dem Brief angegebenen Adressen versenden. Na, drei mal darfst du raten was passiert ist - Bingo - ich habe nicht eine Ansichtskarte bekommen, weshalb ich bei so etwas nie mitmachen würde und, wenn es um viel Geld geht, schon gar nicht.“

„Natürlich wusste ich das alles und hatte auch gar nicht vor etwas zu unterschreiben, aber neugierig war ich doch, wie es ablaufen würde. Und ob du es glaubst oder nicht, es ist ein großer Unterschied, ob mir einer erzählt, wie es bei solchen Meetings zugeht oder ob ich die Erfahrung selbst mache.

„Da kann ich dir nur zustimmen“ meldete ich mich wieder zu Wort. „ Dein Gedanke erinnert mich an die Italienreise mit Jörg vorletztes Jahr, als wir den schiefen Turm in Pisa besichtigten. Jeder Mensch weiß, dass der schief ist. Aber als ich davor stand und feststellte, wie schief dieses Bauwerk tatsächlich ist habe ich mich halb tot gelacht. Es war einfach unglaublich, dass der Turm noch nicht umgefallen war. Egal aus welcher Richtung wir die Piazza dei Miracoli betraten, ich konnte mich nicht beherrschen, der Anblick des schiefen Turmes löste auch am späten Nachmittag noch Heiterkeitsattacken aus und das kann nur ein Mensch begreifen, der selbst davor stand und das Bauwerk nicht nur von Fotografien kennt. Aber, außer, dass uns dort ein paar Afrikaner Souvenirkitsch andrehen wollten, den wir nicht gebrauchen konnten, war diese Erfahrung bestimmt viel harmloser und amüsanter, als so eine Jubelveranstaltung, bei der man Kopf und Kragen riskiert.“

„Da hast du zwar recht, aber ich habe mich an dem Abend ganz clever aus der Affäre gezogen, was ja gerade das Interessante an der Geschichte ist. Außerdem funktionieren diese Systeme am Anfang meist sogar, weil das für die Legendenbildung notwendig ist. Aber da man nie weiß, auf welcher Ebene der Pyramide man sich gerade befindet, wird das Risiko natürlich größer, je mehr Zeit seit dessen Beginn vergangen ist. In den Medien wird oft genug vor solchen dubiosen Geschäftemachern gewarnt und so glaubte ich, gut vorbereitet zu sein, wollte meine Neugier befriedigen und mir die Sache einfach mal ansehen.

Der Lebensgefährte meiner Steuerberaterin holte mich an dem Abend mit einem Riesenschlitten ab, um anzudeuten, wie viel Geld sich mit der Sache verdienen ließe und als wir vor dem Hotel in Leipzig ankamen steckte er sich erst einmal ein Abzeichen an den Kragen seiner Anzugjacke. Innerhalb der Organisation haben die Leute Ränge, ähnlich wie bei der Armee und der Mann wirkte mit diesem vergoldeten Ding am Revers gleich einen halben Meter größer.

Wir betraten den Saal und dann gab es erst mal ein kaltes Buffet, welches dem Preis von Fünfundzwanzig Mark, den ich dafür hinblättern musste, in keiner Weise gerecht wurde. Aber was dann abging war schon irgendwie beängstigend. Die Türen des Saales wurden verschlossen und plötzlich standen vor den Ausgängen Männer, denen man ansah, dass ihnen die Anzüge nicht gehörten, in denen sie steckten. Es waren Schlägertypen, die dafür zu sorgen hatten, dass ja keiner der Gäste, der eventuell Herzkammerflimmern bekam, die Veranstaltung vorzeitig verlassen konnte. Dann wurde das Licht gedimmt, ein junger Mann mit Anzug und gestreifter Krawatte sprang auf die hell erleuchtete Bühne und fing an Stimmung zu machen. Ich wusste erst mal gar nicht um was es ging, als der losbrüllte: «Wollt ihr den Stern?» und es dauerte einige Zeit, bis ich begriff, das damit ein Mercedes gemeint war. «Wollt ihr den Stern?» und alle Anwesenden brüllen «Jaaaaaa!!!!» und rissen begeistert die Arme hoch. «Wollt ihr Geld?» «Jaaaaaa!!!!» «Wollt ihr viel Geld?» «Jaaaaaa!!!!» Die ganze Zeit kochte und brodelte der Saal, alle Beteiligten hoben unermüdlich die Arme und brüllen, wie hypnotisiert «Hurraaaa!!!!». Du glaubst nicht, wie geschickt man Massen mit so einem Quatsch manipulieren kann. Es gelang mir nicht, unbeteiligt herumzustehen, denn mein Coach gab mir durch Gesten zu verstehen, dass ich, wie alle anderen die Arme emporstrecken und «Hurra»  rufen müsste. Es war ein unglaublicher Sog, den diese organisierte Begeisterung auslöste. Ich stand inmitten der Menge und fühlte mich total locker und enthemmt. Mit dem Verstand war mir aber schon klar, dass ich hier mit allen anderen Opfern auf eine sehr geschickte Art ferngesteuert und unter Druck gesetzt wurde.

Dann kam eine junge, sympathische, blond gelockte Dame mit den Verträgen. Jeder der unterschrieben hatte wurde seitens der Veranstalter mit lautem «Hurra» in die «Gemeinschaft» aufgenommen. «Maria Koch hat unterschrieben, sie ist eine von uns! Hurra!!!» und Arme hoch und ein lautes «Hurra» als Antwort aus tausend Kehlen. «Herr Michael Meyer hat unterschrieben, er ist einer von uns! «Hurra!!!» und Arme hoch und «Hurra» als Antwort aus tausend Kehlen. So ging das eine ganze Weile weiter, bis auch der Zögerlichste von dem Schwung der organisierten Aufregung mitgerissen wurde. Mir wurde angst und bange, denn mein Coach redete immer aufdringlicher auf mich ein, schrie, dass ich endlich unterschreiben solle. Aber ich wartete ab. Der Druck und die gewollte Begeisterung hatten mich nicht so sehr benebelt, dass ich ohne zu überlegen alles tat, was man von mir verlangte.

Ich weiß nicht ob die Polizei im Anmarsch war oder die Leute zur nächsten Veranstaltung wollten, jedenfalls wurden irgendwann die unterschriebenen Verträge nur noch eingesammelt - ohne Applaus und sonstige Mätzchen. Da waren aber immer noch die Schlägertypen an den Türen und immer noch der Mann neben mir, der mich penetrant aufforderte, endlich meine Unterschrift unter den Vertrag zu setzen, weil ich sonst die Chance meines Lebens verpassen würde. Nun ist Reiner Herrig nicht gerade der Mutigste. Ich bin ein Feigling, streite mich höchst ungern und Prügel bekomme ich auch nicht so gern, so dass ich den Vertrag am Ende doch noch unterschrieben habe“.

„Ach du liebes Bisschen!“ entfuhr es mir. “Und wie bist du aus der Klemme wieder heraus gekommen?“ wollte ich von ihm wissen.

„Tja, weißt du, wenn nirgend jemand stärker ist als du, dann musst du dich eben mit List und Tücke aus der Situation herauswinden und weil ich das getan habe, hatte ich es nicht nötig, irgendwo wieder heraus zu kommen. Der Vertrag war nämlich ungültig. Sieh mal, du hast doch bestimmt den Film Schindlers Liste gesehen? - - -

Ungläubig sah ich Reiner an. «Das gibt es doch nicht,» dachte ich «was hat Schindler mit einem Schneeballsystem zu tun? Mensch Reiner, jetzt könnte ich dir wieder einmal den Hals rumdrehen, denn immer wenn es dramatisch wird geschieht das Gleiche. Ich glaube es einfach nicht, aber nun ist mit Sicherheit erst mal eine Charakterschilderung des Filmhelden fällig mit anschließender Überleitung zur Produktionsmethode der roten Samtvorhänge vor den Hotelfenstern und das Alles interessiert mich gerade jetzt ebenso sehr, wie ein Sack Reis, der in Peking in diesem Moment von einem gelben Fahrrad fällt.» Ich fieberte vor Ungeduld und war gespannt auf das Ende der Geschichte. Die Spannung stieg ins Unermessliche und ich wollte nur noch eins wissen: Was hatte der Mann angestellt, der jetzt stolz und hintergründig lächelnd vor mir saß?

Schmunzelnd beendete Reiner seine Erzählung mit den Worten: „Schindler hat für alle sichtbar seinen Arm hochgerissen und «Heil Hitler» geschrien, um dann heimlich, still und unauffällig «seine » Juden zu retten ohne sich mit irgendjemandem von dem herrschendem System anlegen zu müssen. Auch, wenn wir heute nicht in solch schwierigen Zeiten leben und ich mich mit Schindler natürlich überhaupt nicht vergleichen will, seine Methode ist doch klasse und man kann sich diese in Situationen, die keinen anderen Ausweg zulassen zum Beispiel nehmen. Ich habe den Vertrag mit «Juri Gagarin» unterschrieben und das der erste Mann im All nicht anwesend war, konnten sich diese Nachtjacken, die an dem Geld der vielen, um ihre Ersparnisse geprellten Menschen Millionen verdienten, sicherlich an allen zehn Fingern abzählen.

Den ganzen restlichen Abend habe ich über diese elegante Lösung und wundervolle Idee herzlich gelacht, ich kriegte mich überhaupt nicht mehr ein. Ich freute mich über diese clevere Lösung, auf die ich in diesem Moment von selbst ganz bestimmt nicht gekommen wäre. Es war zu verblüffend mit welcher Gewandtheit sich Reiner aus der Affäre gezogen hatte, vor allem weil es mir nie gelingt in solch brenzligen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.


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