ein großes Dankeschön an  Julia Engelmann für dieses wunderschöne Gedicht  www.youtube.com

 

Eines Tages

 

Eines Tages, Baby werden wir alt sein, oh Baby werden wir alt sein.

- und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Ich, ich bin der Meister der Streiche, wenn es um Selbstbetrug geht.

Bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh.

Bin ein entschleunigtes Teilchen...

lass mich begeistern für Leichtsinn, wenn ein andrer ihn lebt.

Und ich denke zuviel nach.

Ich warte zuviel ab.

Ich nehm mir zuviel vor-

und ich mach davon zuwenig.

Ich halt mich oft zurück -

ich zweifel alles an,

ich wäre gerne klug,

allein das ist ziemlich dämlich.

Ich würde gern so vieles sagen

aber bleibe meistens still,

weil, wenn ich das alles sagen würde,

wär das viel zu viel.

 

Ich würd gern so vieles tun,

meine Liste ist so lang,

aber ich werd eh nicht alles schaffen -

also fang ich gar nicht an.

Stattdessen häng ich planlos am Smartphone,

wart bloß auf den nächsten Freitag.

Ach, das mach ich später,

ist die Baseline meines Alltags.

 

Ich bin so furchtbar faul

wie ein Kieselstein am Meeresgrund.

Ich bin so furchtbar faul,

mein Patronus ist ein Schweinehund.

Mein Leben ist ein Wartezimmer,

niemand ruft mich auf.

Mein Dopamin, das spar ich immer - 

falls ich es noch mal brauch.

Und eines Tages werde ich alt sein, oh baby werde ich alt sein

und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

 

Und du? Du murmelst jedes Jahr neu an Sylvester

die wiedergleichen Vorsätze treu in dein Sektglas

und Ende Dezember stellst du fest, dass du Recht hast,

wenn du sagst, dass du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast.

 

Dabei sollte für dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden.

Du wolltest abnehmen,

früher aufstehen,

öfter rausgehen,

mal deine Träume angehen.

mal die Tageschau sehen,

für mehr Smalltalk, Allgemeinwissen.

Aber so, wie jedes Jahr

kam dir mal wieder dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer,

niemand ruft uns auf.

Unser Dopamin das sparen wir immer,

falls wir es noch mal brauchen.

 

Wir sind jung und ham viel Zeit.

Warum solln wir was riskieren?

Wir wolln doch keine Fehler machen,

wolln auch nichts verlieren.

 

Und es bleibt so viel zu tun.

Unsre Listen bleiben lang

und so geht Tag für Tag

ganz still ins unbekannte Land.

 

Und eines Tages baby, werden wir alt sein, oh baby

und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen -

werden traurige Konjunktive sein, wie

Einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen

und hätte fast die Buddenbrooks gelesen

und einmal wär ich beinah bis die Wolken wieder lila waren

noch wach gewesen.

und einmal, fast hätten wir uns demaskiert und gesehen, wir sind die Gleichen

und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten -

werden wir sagen.

Und dass wir bloß faul und feige waren,

das werden wir verschweigen,

und uns heimlich wünschen,

noch ein bisschen hier zu bleiben.

 

Wenn wir dann alt sind – und unsre Tage knapp,

und das wird sowieso passiern,

dann erst werden wir kappiern,

wir hatten nie was zu verliern -

denn das Leben, das wir führen wollen,

das können wir selbst wählen,

also lass uns doch Geschichten schreiben,

die wir später gern erzählen.

Lass uns nachts lange wach bleiben,

aufs höchste Hausdach der Stadt steigen,

lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen.

Lass uns die Feste wie Konfetti schmeißen,

sehen, wie sie zu Boden reisen

und die gefallenen Feste feiern

bis die Wolken wieder lila sind.

Lass uns an uns selber glauben,

ist mir egal, ob das verrückt ist,

und wer genau guckt, sieht,

dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.

 

Und – wer immer wir auch waren -

lass mal werden, wer wir sein wollen.

Wir ham schon viel zu lange gewartet,

lass mal Dopamin vergeuden.

 

Der Sinn des Lebens ist leben,

das hat schon Casper gesagt.

Lets make the most of the night,

das hat schon Kesha gesagt.

Lass uns möglichst viele Fehler machen

und möglichst viel aus ihnen lernen.

Lass uns jetzt schon Gutes sähen,

dass wir später Gutes ernten.

Lass uns alles tun,

weil wir können - und nicht müssen.

Weil,  jetzt sind wir jung und lebendig

und das soll ruhig  jeder wissen.

Und unsere Zeit die geht vorbei,

das wird sowieso passieren

und bis dahin sind wir frei

und es gibt nichts zu verlieren.

Lass uns uns mal demaskiern

und dann sehen, wir sind die Gleichen

und dann können wir uns sagen,

dass wir uns viel bedeuten

denn das Leben, dass wir führen wollen,

das können wir selber wählen.

 

Also - los, schreiben wir Geschichten,

die wir später gern erzählen.

 

Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein

- und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

 

Du kannst Julia Engelmann auf www.youtube.com finden! Ansehen lohnt sich auf jeden Fall!

 

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