Sternstunde

                                               Sternstunde

 
Ute Hager  © 
 
Vanille - ich schmecke den Vanillegeschmack des Eises auf meiner Zunge, als wären nicht all die Jahre vergangen, die in dieser Stunde zu einem flüchtigen Moment zusammenschrumpfen. Ich höre wieder einen Sommerhit aus dem Radio tönen, Leichtigkeit verbreitend, die einen an Sommerfrische und Urlaub denken lässt, Gute - Laune - Musik eben, die, kaum verklungen, in der nächsten Sekunde vergessen ist. Ich spüre die Wärme des Sommernachmittages und den Vanillegeschmack der weißen, schaumigen und viel zu süßen kalten Masse in meinem Mund, die, zwischen zwei labberige Waffeln gepappt, viel zu schnell schmilzt und auf meine Hose tropft.
 
Auf dem Rücksitz lümmelt Mandy, mit den Turnschuhen auf dem Polster, ein Knie ans Kinn hochgezogen, lustlos an ihrem Eis leckend. Sie hatte mich gedrängt sie mitzunehmen, weil sie wissen wollte wer Luci ist. Nun ist ihre Neugier gestillt und wir Alten öden sie an. Ich möchte Mandy beobachten ohne dass sie etwas davon bemerkt, kann im Rückspiegel aber nur ihren schräg geschnittenen Pony sehen, schwarz gefärbt mit leuchtend pink und neongrünen Strähnen darin. Obwohl ihre Haare das Einzige sind, was ich, ohne sie direkt anzuschauen, von ihr sehen kann, weiß ich, dass meine Tochter sich langweilt. Ihre Haltung verrät es mir. Trotzdem bin ich froh, sie bei mir zu haben, ich sehe sie nur noch selten in letzter Zeit.

Neben mir sitzt Luci, munter schwatzend. Ich höre nicht zu, was sie sagt, höre nur auf den hellen Klang ihrer Stimme. Luci, die Fröhliche, Unverdrossene war noch einmal zurückgelaufen, um für uns ein Eis an der Supermarktkasse zu kaufen. Nun sitzen wir zu dritt in meinem grünen Straßenhüpfer, schwatzen, hören Musik und schlecken Eis, beide Türen sind offen, um wenigstens ein klein wenig Durchzug zu haben, ein Moment tiefster innerer Harmonie, den ich mit Menschen erleben darf, die mir lieb und wichtig sind. Ein Moment, in dem einfach alles stimmt, der nach Vanilleeis, Sommerwärme und Zuneigung schmeckt.

Heute friere ich. Ein kleiner Elektroofen lärmt mehr, als er warme Luft in den ausgekühlten Raum pustet. Die kleine Kapelle verbreitet ein Gefühl von Kälte, die nicht nur von den niedrigen Temperaturen des Herbsttages herrührt. Vielleicht soll das so sein. Überdeutlich nehme ich Einzelheiten wahr, trotz des Kummers, der wie eine riesige Welle über mich hinweg schwappt, grau gemusterte Tapetenstreifen, deren Ecken sich von der Wand lösen, auf die sie geklebt sind und eine Wespe, die versucht, durch das Fenster zu entwischen. Immer wieder stößt sie an das Glas, bei der Stille in dem Raum ein Geräusch, das bis in die hinterste Ecke zu hören ist. Bum. Noch einmal: bum. Immer wieder: bum, bum, bum. Schließlich tötet ein Mann das Insekt mit dem Griff seines Regenschirmes, er benötigt drei Versuche dazu, dann ist es still. Ja, der Mensch ist schnell mit dem Tod, wenn es nicht sein eigener ist.

Mein Blick wandert über die vielen Blumen, unter denen auch mein Asternstrauß liegt, über die Urne, die alles enthält, was von ihr übrig ist. Dann sehe ich auf das Bild, ein Foto, aus ihren gesunden Tagen. Rosig und adrett sieht sie darauf aus, die Ponyfransen sorgfältig gekämmt, wie sie es immer getan hatte, wenn ich sie zum Einkaufen abgeholt habe. Luci. Tot. Mit einundsechzig Jahren fortgegangen. Zu schnell, zu plötzlich hat sie sich verabschiedet. Ich wollte doch noch.... Wir haben es immer wieder aufgeschoben. Zu spät. Es ist immer zu spät, wenn der Tod seine kalten Hände nach den Lebenden ausstreckt. Es ist zu spät Luci zu besuchen, ihre Hände zu halten, um ihr Halt zu geben und ihr zu sagen, dass ich sie lieb habe.

Der Redner betritt den Raum. Ein grauhaariger, schlanker Mann, der nach einer Weile der Vorbereitungen Musik erklingen lässt. Irgend ein Stück von Schumann, das langsam den Raum mit Trauer füllt, danach beginnt er zu reden. Spricht von ihrem Leben, das Luci noch nicht verlassen wollte, wann und wo sie geboren wurde, welchen Beruf sie erlernt hatte. Sieh einer an, Luci war Krankenschwester, denke ich, eine Arbeit, die Tatkraft und schnelle Entscheidungen verlangt. Bald gehen meine Gedanken eigene Wege. Habe ich sie überhaupt gekannt? Hat ein Mensch, auch wenn er sich noch so viel Mühe gibt überhaupt eine Chance seine Mitmenschen kennen zu lernen oder sehen wir möglicherweise nur die Gewohnheiten der anderen und das, was diese von sich preisgeben wollen? Im besten Falle überschätzt man sie, man unterschätzt sie, man beurteilt und verurteilt sie, aber in den seltensten Fällen wird uns rechtzeitig bewusst, wie wichtig sie gerade ihrer belanglosen Schwächen wegen, für unser Leben sind. Auf mich wirkte Luci immer ängstlich und unentschlossen und ich habe nie herausfinden können, ob sie sich nur in ihrer kleinen Welt verbarrikadiert hatte, weil sie Schutz suchte, weil sie Angst vor einer Entscheidung hatte ihr Leben zu ändern oder ob sie wirklich so leben wollte. Ich hatte immer das Gefühl, als würde Luci sich hinter ihrem Mann, ihren Blumen und Katzen vor dem Leben verstecken, weil manche kleine Bemerkung von ihr, hin und wieder unbedacht geäußert, ehe sie sie wieder einfangen konnte, mich auf den Gedanken brachte, dass da doch noch Wünsche und Träume in ihr waren, ungelebt, mit Vernunftgründen unterdrückt und zugeschüttet durch Ängste und Bequemlichkeit.

Dann eine Pause, wieder erklingt Musik, das Ave Maria von Franz Schubert. Mir schmerzen die Füße, ich lehne mich an meinen Freund. Seine Kraft und Ruhe tun mir gerade jetzt gut und ich bin froh, dass er mitgekommen ist, schließlich kannte er Luci nicht. Der Redner spricht vom Tod, der kein Freund ist, weil er die Menschen aus unserer Mitte holt und uns ratlos und allein zurücklässt - die Sichtweise der Zurückgebliebenen. Oh Luci, wie konntest du nur? Hat dir als Kind niemand beigebracht, dass man mit dem großen Unbekannten nicht mitgehen darf? Ja, auch wenn die Ärztin wohl gesagt hat, dass er dir viel Leid erspart hat, dein Freund war der Tod nicht. Du hattest Angst vor ihm, du wolltest leben, wolltest deinen Enkel heranwachsen sehen, du hast dich an das Leben geklammert und wolltest die Hoffnung nicht aufgeben. Ich sehe dich vor mir, wie deine Lippen verräterisch zitterten als du von Hoffnung sprachst, die man haben müsste, wie um dir selbst Mut zu machen. Hast du da schon geahnt, dass du gehen musst und wolltest es dir nicht eingestehen? Die „Warum“ wirbeln durch meinen Kopf, ich kann es nicht ändern. Warum ausgerechnet jetzt? Konntest Du nicht noch die zwei Wochen, die ich mit der Urlaubsvertretung meiner Kollegin beschäftigt war, abwarten, bis ich Zeit für einen Krankenbesuch bei dir hatte? Warum hast du nicht um Hilfe gebeten? Warum vertrautest du dem, was dir andere Menschen sagten mehr als deinen eigenen Gefühlen? Warum hast du meine zaghaften Versuche mit dir über den Tod zu reden stumm aber beharrlich zurückgewiesen? Warum, warum, warum? Du hinterlässt eine Leere und Traurigkeit, die zu diesem klaren, kalten Oktobertag nicht passen will. Mit dir verliere ich eine Freundin und obwohl deine liebevolle Fürsorge nie selbstverständlich für mich war, wird mir erst heute mit aller Wucht klar, wie sehr ich dich gemocht habe. Das aber sind die Gedanken derjenigen, die weiterleben dürfen, egoistisch, vorwurfsvoll und verständnislos noch über den Tod hinaus. Du warst krank, sterbenskrank und hattest keine Kraft mehr. Das konnte ich spüren und habe es auch verdrängt. Ich habe meine Angst hinter dem gutmütigen Spott über deine Perücke versteckt, mit dem ich dich habe aufzumuntern wollen, weil auch mir der Mut gefehlt hat, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Vielleicht zeigt dies ja nur, dass du mich durchschaut hattest und stärker warst, als ich dir zugetraut hatte, dass du mich schonen und mir nicht zu viel aufbürden wolltest, auch wenn das heißt, dass wir nicht Abschied voneinander nehmen konnten. Sinnlos sich darüber Gedanken zu machen, was immer du gedacht und gefühlt hast, ich werde es nun nicht mehr erfahren.

Der Redner erzählt, dass du im Krankenhaus gestorben bist. Mich fröstelt bei dem Gedanken, dass das Letzte, was du gehört haben könntest das Piepen der Apparate war, an die man dich angeschlossen hatte, das hektische Geräusch einer außer Rand und Band geratenen Maschine ohne einen Menschen an deiner Seite, der deine Hand in seine und dir die Angst vor dem Kommenden genommen hat. Wie traurig, statt einem lieben Wort eine herbeieilende Schwester, die nur noch den Tod feststellt. Das alles kann ich nicht wissen. Es sind nur Gedanken und ich hoffe, dass es doch ganz anders war. Dass ER neben deinem Bett stand und dich sanft davongetragen hat. Dass du keine Schmerzen gespürt und im letzten Moment doch noch erkannt hast, dass da ein Freund ist, der dunkle Bruder, der dich vor langem Sterben bewahren will und dass du gern mit ihm gegangen und mit Frieden im Herzen und ohne Groll auf ihn in seinen Armen eingeschlafen bist.

Aus dem Nichts krallt sich eine Riesenwut in meinen Bauch und ich fühle mich hilflos diesem grimmigen Gefühl ausgeliefert, das nicht an diesen Ort gehört, denn ich verstehe so vieles nicht. Wenn Mediziner über eine Verlängerung des Lebens unter allen Umständen debattieren halte ich dies für unaufrichtig. Wer darf sich denn anmaßen festzulegen, wann ein Mensch beginnt zu sterben? Ist der Moment wirklich erst eingetreten, wenn sein Herz aufhört zu schlagen? Oder schon vorher, wenn unerträgliche Schmerzen mit Sedativa weggespritzt werden müssen und er künstlich ernährt und künstlich beatmet werden muss? Hat das noch etwas mit Menschenwürde zu tun und was ist mit einem menschenwürdigen Sterben? Hat nicht jeder Mensch auch hierauf ein Recht? Fragen, die du dir nie gestellt hast. Für dich waren die Ärzte noch Götter in Weiß, ihr Wort unantastbar und was sie anordneten war richtig, musste ja richtig sein, etwas anderes zu denken wäre Frevel gewesen. War wirklich nur ich es, die daran Zweifel hegte? Nein, ich glaube das nicht, es hat genügend Anzeichen gegeben, um zu wissen, dass du sie auch hattest und es ist schockierend, dass du deine Unsicherheit versteckt hast, weil du glaubtest niemandem damit zur Last fallen zu dürfen. Dein Körper ist innerlich verbrannt und ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum niemand den Mut hatte, ihm eine Chance zu geben sich selbst zu heilen. Immer wieder musstest du ins Krankenhaus, immer wieder neue Hoffnungen, die in dir geweckt wurden und die sich nicht erfüllten. Ein einziges Mal in den vergangenen drei Jahren waren deine Haare nachgewachsen, dünn und weiß und du warst so stolz auf diese kleinen weißen Muzeln, voller Zuversicht, dass du die Perücke bald nicht mehr tragen musst. Aber deine Blutwerte entsprachen nicht der Norm und so bekamst du die nächste Chemotherapie und wieder die nächste, bis dein Körper zu geschwächt war, um sich noch weiter wehren zu können. Du begannst dein Leben nach dem Rhythmus der Therapien einzurichten. Aber auch Ärzte sind nur Menschen und in deinem speziellen Fall waren sie auch schlechte Psychologen. Meiner Meinung nach und die zählt leider nicht. Du glaubtest, du bekommst die die Chemotherapie weil du krank bist und wenn alles in Ordnung ist wird sie abgesetzt. In diesem Gedanken steckt eine heimtückische Logik, der Krebs schwächt deine Widerstandskraft, aber die Chemotherapie tut das irgendwann auch und kein Immunsystem, auch das stärkste nicht, kann sich zwei solchen Gegnern gleichzeitig erwehren.

Denkst du, ich habe nicht bemerkt, wie du langsam den Glauben an eine Besserung verloren hast, je mehr Beschwerden dir die Chemotherapie verursachte? Wäre eine Lüge in deinem Falle nicht barmherziger gewesen? Ich stellte mir immer wieder vor, wie dein Professor dir erklärt, dass deine Blutwerte in Ordnung sind und du ab jetzt keine Behandlung mehr nötig hast. Wäre es nicht einen Versuch wert gewesen, dass durch die Gewissheit, gesund zu sein, die empfundene Erleichterung darüber und die hierdurch freiwerdende Energie, eine Heilung tatsächlich eingetreten wäre? Es war ein tröstlicher Gedanke und ich hatte dir dies von ganzem Herzen gewünscht.

Der Redner hat seine Ansprache beendet und bittet nun die Trauergemeinde sich von ihren Stühlen zu erheben. Ein letztes Musikstück erklingt. Still nehme ich Abschied, versuche nicht mehr, krampfhaft die Tränen zurückzuhalten, sie kitzeln mich, während sie an Nase und Wangen herabfließen. Die Tür der Kapelle öffnet sich und zwei Mitarbeiter des Beerdigungsinstitutes tragen die Urne hinaus. Ihnen folgen die Angehörigen und schließlich auch Jörg und ich. Die Urne wird in die Erde hinabgelassen und jeder ihrer Angehörigen nimmt aus einer Schale einige Blütenblätter und streut sie ins Grab. Zuletzt bin auch ich an der Reihe, nehme einige Rosenblätter und lasse sie zu den anderen hinab fallen -  ein letzter Gruß noch, bevor das Leben wieder nach seinem Recht verlangt. Überraschend fühle ich mich getröstet, so als würdest du sagen: „Da kann man nichts machen, nun ist es nicht mehr zu ändern“. Ja, du warst kein Rebell - nun muss ich fast lachen - und nein, ändern kann man es wirklich nicht mehr. Was bleibt ist, das Leben zu feiern, es mit allen Sinnen zu genießen und mit Freude zu füllen, damit man am Ende nicht voller Bedauern feststellt - ich wollte doch noch…. Auch wenn ich dich vermissen werde gönne ich dir den Frieden dieses Ortes. Ruhe dich aus, du hast es dir verdient. Luci ich danke dir für viele frohe Stunden, ganz besonders jedoch für diese eine, die Sternstunde, die in meiner Erinnerung immer nach Vanilleeis, Sommerwärme und Zuneigung schmecken wird.

 
 
 

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